Japan – Der fremde Bruder

Japan – Der fremde Bruder

Seit vielen Jahren fasziniert mich Japan. Genauer gesagt – seit ich damals „Shogun“ im Fernsehen gesehen habe. Die Schönheit der Landschaft, das Gemeimnisvolle der Menschen und ihrer Kultur.
Sie tun das Gleiche wie wir – nur anders. Das faszinierte mich.
Dann kam meine Begeisterung für die Bücher und das Leben von Yukio Mishima.
Ich schloss Freundschaft mit einigen Japanern und konnte immer noch nicht behaupten, dass ich dieses Land auch nur annähernd verstand …
Solltet ihr genauso empfinden und eine Antwort zumindest auf die eine oder andere Frage suchen, so kann ich nun endlich einen Buchtipp geben:

Wenn wir an Japan denken, dann fallen uns Samurai ein, das Kirschblütenfest, weiß geschminkte Gesichter in Kimonos gehüllter Damen und geheimnisvolle Tempel ein. Aber natürlich auch ein jahrhundertealtes Kaiserhaus.

Wie bei mir vielleicht nicht anders zu erwarten, möchte ich dem Kaiserhaus meine besondere Aufmerksamkeit schenken, wobei mir das kürzlich entdeckte Buch „Das Erbe des Tennōs“ von Wieland Wagner ein ganzes Stück weit geholfen hat.

ZUNÄCHST ZUM AUTOR:
Geb. 1959 in Eckernförde. Studierte Geschichte und Germanistik in Freiburg, London und Tokio. Dissertation über Japans frühe Expansionspolitik in Ostasien, ausgezeichnet mit dem Gerhard-Ritter-Preis. Von 1990 bis 1993 arbeitete er als Korrespondent für die Nachrichtenagentur Vereinigte Wirtschaftsdienste (VWD) in Tokio. Bis 1995 war er Wissenschaftlicher Assistent am Historischen Seminar der Universität Freiburg. Seit 1995 berichtet Wagner für den SPIEGEL aus Asien, bis 2004 zunächst mit Sitz in Tokio, anschließend in Shanghai, ab 2010 in Peking, ab 2012 in Neu-Delhi und von 2014 bis 2018 wieder in Tokio. Er ist Autor der SPIEGEL-Bücher: »Japan. Abstieg in Würde. Wie ein alterndes Land um seine Zukunft ringt.« (2018) und: »Das Erbe des Tennos. Die geheimnisvollste Monarchie der Welt und das Ringen um Japans Zukunft.« (2023) (Quelle: SPIEGEL)

Wir haben es also mit jemandem zu tun, der nicht nur die Sprache spricht, sondern auch schon viele Jahre in Japan lebt. Sicherlich Grundlage, wenn man vernünftig über das Kaiserhaus berichten will.

Die Kaiserliche Familie

Das ist wohl das wichtigste Bild dieses Posts. Hier findet ihr die aktuellen Mitglieder des Kaiserhauses.
Kaiser Akihito und seine Frau Michiko sind zugunsten ihres Sohnes Naruhito seinerzeit zurückgetreten.

Der Himmel ist fern – und der Tennō ist es auch

So könnte man die Analyse Wagners zusammenfassen.
Im Gegensatz zu europäischen Monarchien, hat der Tennō seit dem Zweiten Weltkrieg keinerlei politisches Mitspracherecht mehr.
Ja – die Verfassung untersagt ihm jegliche – auch nur annähernd – politische Äußerung.

Tatsächlich untersucht Wagner anhand der jüngeren Geschichte des Kaiserhauses wie es dazu kam.

Beginnend mit der Öffnung des Landes, über Kaiser Hirohito, der mit knapper Not seine Beteiligung am WKII überlebte, bis hin zum heutigen Nachfolgeproblem des Kaiserhauses, untersucht Wagner inwieweit der Kaiser wirklich von seinem Land losgelöst ist, oder doch eben dieses Land mit seiner kompletten Existenz repräsentiert.
Die Erkenntnisse hierzu werden im Laufe des Buches zu einem Spiegel der japanischen Gesellschaft an sich und so sehr die Politiker auch versuchen, das Kaiserhaus in eine nebulöse, hermetische Existenz abzudrängen und so für ihre Zwecke manipulierbar zu machen, so sehr scheitern sie doch an den kraftvollen und entschlossenen Persönlichkeiten, die eben jenes Herrscherhaus nach dem Krieg ausgemacht haben und noch immer ausmachen.

Distanz-Probleme

Der Tennō hatte seinen Platz seit jeher fern von den normalen Menschen und das änderte sich auch nach dem zweiten Weltkrieg nicht. Was sich aber änderte, war das Interesse der Bevölkerung am Kaiserhaus. Wie auch bei uns schien sich das Publikum zu spalten: die jungen Menschen interessierten sich überwiegend nullkommanull für die kaiserliche Familie, während vor allem die mittleren Altersschichten enormes Interesse zeigten.

Dazu muss man wissen, dass die kaiserliche Familie in einem abgeschotteten Areal in Tokio lebt und von den Bürgern nur zu wenigen Anlässen im Jahr gesehen wird. Die Aufgaben des Kaisers beschränken sich tatsächlich auf rituelle Handlungen, besondere religiöse Zeremonien, die er als Nachkomme der Sonnengöttin Amaterasu durchzuführen hat.

Was Wagner nun sehr schön präsentiert, ist die ungewöhnliche Rolle der Massenmedien in Bezug auf das Kaiserhaus.

Man kann beinahe von einer Dreiecksbeziehung sprechen: 1) kaiserliche Familie, 2) Politiker/ Regierung und 3) Boulevard-Presse.

Dazu muss man wissen, dass in Japan die Liberaldemokratische Partei praktisch ununterbrochen seit dem Kriegsende das Land regiert. Es gab nur wenige, kurze Zeitabschnitte, in denen sie gezwungen war, sich einen Koalitionspartner zu suchen.

Politische Parteien in Japan haben nun – laut Wagner – eher die Aufgabe, Pfründe zu verteilen, als zur Meinungsbildung beizutragen. (Wie es ihre vom Grundgesetzt z.B. in Deutschland festgeschriebene Aufgabe ist).

Seit Jahrzehnten nun versucht die Regierungspartei den Kaiser dem Blick des Publikums zu entziehen. Er darf sich nicht öffentlich äußern und hat lediglich rituelle Bedeutung. Dadurch wird aber ein Tennō zu einer Figur, die man nach Belieben manipulieren kann, da der Tennō niemals etwas richtigstellen darf.

Sprich: Eine Regierung kann bei jeder Entscheidung behaupten, dies sei so der Wille des Kaisers. Dieser ist hingegen zum Schweigen verdammt.

Aus diesem Grunde haben die Kaiser sehr elaborierte Wege entwickelt, ihre Meinung dennoch kundzutun. Diskrete Hinweise auszusenden. Ähnlich wie die Queen es zum Beispiel mit der Wahl ihres Schmuckes getan hat.

Was ich bei Wagner besonders spannend finde ist, wie er die Tatsache herausarbeitet, dass mittlerweile ausgerechnet der Kaiser zum Hüter jener pazifistisch- demokratischen Verfassung wurde, die die Regierungen jeweils aufzuweichen versuchen.

Mädchen oder Junge – Das ist hier die Frage

Wir wissen inzwischen, wie König Charles III die Frage einer schlanken Monarchie angeht: Er lässt nur noch wenige seiner nächsten Anverwandten als Working Royals zu.

Das japanische Kaiserhaus hat da ganz andere Probleme.
Wenn sie sich in kompletter Aufstellung auf dem Palastbalkon versammeln, um die guten Wünsche der Untertanen entgegenzunehmen, sind nur noch eine Handvoll Royals versammelt …

Wagner erklärt auch wieso:
Mit Ende des ersten Weltkrieges lösten die Amerikaner sozusagen das kaiserliche Konstrukt auf. Sämtlichen Adeligen wurden die Titel entzogen, sie mussten den Palast verlassen und sich eine bürgerliche Existenz aufbauen.

Dazu kam noch ein Geburtenproblem in der Kaiserfamilie selbst:
Hatte Kaiser Hirohito mit seiner Gattin Nagano noch sieben Kinder gezeugt, hatte sein Sohn und Nachfolger Akihitio nur noch drei Kinder.

Wäre diese Welt nun eine gerechte, stünden ein knappes Dutzend Personen auf dem Balkon.
Aber diese Welt ist nicht so.

In Japan gilt nämlich das rein männliche Erbrecht.
Das führte dazu, dass bis zum 6. September 2006 nur ein Mädchen für die Thronfolge in Frage kam: Kaiser Naruhitos Tochter Aiko.

Da am Horizont kein weiteres erbfähiges Kind auftauchte, legte die Regierung eine Gesetzesänderung bezüglich der Thronfolge vor: Nunmehr sollten auch Mädchen Kaiserin aus eigenem Recht werden können. Ein Erdrutsch im konservativen Japan.

Tja – und dann kam jener denkwürdige Tag, an dem der Palast bekannt gab, dass die Schwägerin des Kaisers, Prinz Fumihitos Gattin, schwanger sei.
Und an eben jenem Tag im September war klar: der neueste Zuwachs der kaiserlichen Familie war ein Junge: Prinz Hisahito.

Ruckzuck verschwand der Gesetzesentwurf zur weiblichen Thronfolge in der Schublade des Parlaments. Denn nun gab es einen potentiellen männlichen Erben des Chrysanthemen-Throns.

Wem das merkwürdig vorkommt – im 21. Jahrhundert – der wird sich gleich noch mehr wundern!

Das Problem des fehlenden männlichen Thronfolgers bestand ja nun mehrere Jahre. Und wie man sich vorstellen kann, meldeten sich zahlreiche Stimmen, die Lösungsvorschläge anzubieten hatten.

Die wohl für uns exotischste lautete: Wenn Kaiserin Masako nicht in der Lage ist, weitere Kinder, geschweige denn einen Sohn, zu produzieren, sollte der Kaiser sich eine (oder mehrere) Konkubinen, sprich Nebenfrauen, nehmen.
Eine solche könnte nämlich einen Thronfolger zur Welt bringen.
Für frühere Kaiser war das die gängige Praxis und nicht wenige Tennōs stammten von Nebenfrauen eines regierenden Kaisers. Das setzte sie in keiner Weise herab.

Wir ahnen es: Der Kaiser lehnte ab. Keine gebährfreudigen Konkubinen für den Kaiser.
Wenig verwunderlich, hatte doch der amtierende Tennō Naruhito über viele Jahre zu seiner Frau gehalten, die einer unmenschlichen Nachstellung durch die japanische Öffentlichkeit ausgesetzt gewesen war und auf diese mit einer schweren depressiven Erkrankung reagiert hatte.
Der Kaiser hatte sich stets vor seine Frau gestellt und das Amt des Kaisers alleine bewältigt. Dies war umso trauriger, als seine eigenen Eltern als Dream-Team agiert hatten. Es gab Akihito nur im Doppelpack mit Michiko. Dies hatte sich als äußerst erfolgreiches Rezept erwiesen.

Ein weiterer Vorschlag bestand darin, einen Thronfolger zu adoptieren. Auch das ist in Japan möglich. Es müsste ein Mann aus einem der ehemaligen Adelshäuser sein, die nach dem WKII abgeschafft worden waren.

Wagner untersucht nun, inwieweit der Vorschlag praktikabel wäre und kommt zu dem Ergebnis, dass eigentlich nur noch zwei ehemalige Adlige in Frage kommen würden.
Also ist auch hier die Luft dünn.

Kurz gesagt: Mit dem kleinen Hisahito hatte Japan seinen Thronfolger. Wenn die ganze Sache auch am sprichwörtlichen seidenen Faden hängt.

Denn man darf nicht vergessen: selbst ein Kronprinz kann sagen: „Danke. Aber – nein, Danke!“
Was, wenn Hisahito eines Tages entdeckte, dass er nicht in einem goldenen Käfig verschwinden mag? Was, wenn er keine Lust hat, eine schweigende, fremdbestimmte Marionette zu sein, zurückgeworfen auf den Ausführenden zahlloser Rituale, die mit dem Leben der Menschen jenseits des Käfigs praktisch nichts mehr zu tun haben?
Was, wenn er keine Frau findet, die bereit ist, ihr eigenes Leben und das ihrer Familie in der Öffentlichkeit sezieren zu lassen?

Dann gibt es immer noch Aiko und die Möglichkeit der weiblichen Thronfolge.

Und so ist zur Überraschung vieler Japaner inzwischen – laut Wagner – ein Wettrennen zwischen den beiden jungen Leuten und ihren Eltern um die Gunst des Landes losgegangen.
Denn Aiko, respektive die kaiserlichen Eltern, scheinen entschlossen, nicht kampflos aufzugeben. So positionieren sie die junge Frau immer wieder als die Zukunft des Thrones.

Übrigens hat Aiko – im Gegensatz zu Hisahito noch ein weiteres Problem: Wenn sie einen bürgerlichen Partner heiraten wollen würde, müsste sie das Kaiserhaus wortwörtlich verlassen. Sie bekäme 1 Million Dollar Abfindung und müsste sich im Zivilleben eine Existenz aufbauen. Nicht einfach, wie man bereits vorhandenen Beispielen sehen kann.

Es gilt:

Du kriegst die Prinzessin aus dem Kaiserhaus.
Aber niemals das Kaiserhaus aus der Prinzessin…


(Aber dazu wird es noch einen eigenen Artikel geben. Versprochen!)

Ihr seht – es bleibt spannend!

FAZIT:

Wieland Wagner gibt einen profunden Einblick in die neuere Geschichte des japanischen Kaiserhauses, das dennoch auch für Nicht-KennerInnen der Materie nachvollziehbar ist.
Ich selbst fand es spannender als einen Krimi.
Nicht zuletzt liegt Wagners große Leistung darin zu verdeutlichen, worin die einmalige Rolle eines Tennōs besteht. Wie sehr er tatsächlich sein Land verkörpert.
Man sieht dank dieses Buches nicht zuletzt den tieferen Zusammenhang zwischen dem Kaiserhaus und den politischen Kämpfen in Japan, was nicht zuletzt darin begründet liegt, dass das Nachkriegs-Kaisertum praktisch genauso lange an der Macht ist wie die Regierungspartei.

Wer also einen (Beinahe-) Insiderbericht über das japanische Kaiserhaus und seine Kämpfe sucht, das mit ungeheuer viel Sachkenntnis geschrieben wurde und dennoch spannend zu lesen ist, sollte unbedingt zu diesem Titel greifen.

Auf der Suche …

Auf der Suche …

… sind wir doch alle. Vor allem jetzt vor Weihnachten, wenn wir andere beschenken wollen. Oder auch uns selbst.
Aus diesem Grund habe ich ein hoffentlich ansprechendes Paket mit einem etwas ungewöhnlichen royalen Thema geschnürt. Es geht um Royals und das Fotografieren.
Für mich persönlich ein extrem wichtiges Thema, denn bedingt durch die Foto-Leidenschaft des 19. Jahrhunderts, haben wir zahlreiche realistische Abbildungen der Herrscher der damaligen Zeit und sind nicht mehr auf Gemälde angewiesen.
Nichts gegen Gemälde, aber viel zu oft waren sie in ihrer Qualität abhängig von den Fähigkeiten des Malers oder dem guten Willen des Auftraggebers.

Wer sich mit der Geschichte des 19. Jahrhunderts befasst, ist endlich nicht mehr auf Beschreibungen von Zeitzeugen oder die mehr oder minder wertigen Gemälde und Zeichnungen der Zeit angewiesen, sondern kann zum ersten Mal auf realistische Darstellungen von Personen zurückgreifen.
Eine Frau, die wohl wie keine andere Wegbereiterin nicht nur der Fotografie im Bereich VIPs war, sondern auch Vorreiterin in Sachen Selbstvermarktung, war die Gräfin di Castiglione.
Ihr ist der erste Band gewidmet, den ich heute vorstellen möchte:

La Castiglione – im 19. Jahrhundert eine Name wie Donnerhall.
Geboren als Virginia Elisabetta Luisa Carlotta Antonietta Teresa Maria Oldoïni  am 22.3.1837 in Florenz, heiratete sie siebzehnjährig den Grafen Francesco Verasis di Castiglione. Nachdem sie den italienischen König bezirzt hatte, kam man bei Hof auf die Idee, sie nach Frankreich zu schicken, damit sie sich an Napoléon III heranmachen solle, und diesem sodann Geheimnisse zu entlocken.
Die geborene Honey-Trap.
In immer wieder ebenso freizügigen wie spannenden Auftritten, machte die Gräfin sich bald einen Namen. Gesellschaften fanden dann den meisten Zulauf, wenn die Gräfin angekündigt wurde.
Tatsächlich beeinflusste sie diverse politische Entscheidungen des Kaisers zugunsten (des noch nicht geeinten) Italien zum Beispiel im Krim-Krieg. Nachdem ihre Affäre mit dem Kaiser publik wurde, trennte sich das Grafenpaar.
Von nun an lebte die Castiglione in Paris und Turin. Praktisch vergessen, starb sie 1899 und wurde auf dem Friedhof Père Lachaise beigesetzt.
Wie Sisi hatte sie sich in ihren letzten Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und verließ nur noch bei Nacht das Haus für ausgedehnte Spaziergänge durch Paris.

Allerdings ließ sie sich noch fotografieren. Dies in jenen Verkleidungen, die sie zu ihren Glanzzeiten getragen hatte. Betrachtet man diese Bilder heute, schaut einem eine des Lebens überdrüssig scheinende Frau entgegen, die ihren ermatteten Zügen kein Lächeln mehr abzuringen vermag.

Das vorliegende Buch gibt einen Abriss über das Leben der Castiglione, legt aber logischerweise den Schwerpunkt auf ihre Fotografien: erotische Darstellungen ihrer Beine, szenische Impressionen, sowie Darstellungen der Gräfin in ihren aufwendigen Roben.
Doch es ist wesentlich mehr als nur eine Darstellung dieser aufsehenerregende Frau – es ist ein wunderbarer Einblick in das 19. Jahrhundert. Mit der Gräfin lernen wir nämlich jenes an Exzentrikern reiche 19. Jahrhundert kennen, in dem die Menschen – entgegen unserer heutigen Vorstellungen – wesentlich freier lebten als man denkt.
Den Abschluss bietet übrigens eine hervorragende Timeline, die auch noch die wichtigsten Adresse aus dem Leben der Gräfin benennt. So können wir mit diesem Buch in der Hand Paris auf ihren Spuren erkunden.

Mit dem Band „Photographie am Hof Napoleons III – Olympe Aguado“ bleiben wir im Paris des 19. Jahrhunderts und treffen dort einen der wichtigsten Pioniere im Bereich Fotografie.

Aguado war derjenige, der die Visitenkarten mit Fotografie populär gemacht hat und gilt bis heute als einer der wichtigsten Amateur-Fotografen.
Was war nun so besonders an diesen Cartes de Visite?
Visitenkarten waren im 19. Jahrhundert unverzichtbares Utensil eines jeden Mitglieds der besseren Gesellschaft. Wollte man einen Besuch machen – in diesen Kreisen obligatorisch z.B. wenn man neu an einem Ort war – gab man die Visitenkarte ab, sodass der Hausherr(in) sofort wusste, mit wem sie/ er es zu tun hatte. Traf man bei einem Besuch niemanden an, hinterließ man dennoch seine Karte und der Besuch galt sodann als erfolgt. Man hatte also seine Pflicht getan. (Man lese dies in „Anna Karenina“ nach …)

Fand sich ein Foto auf dieser Karte, demonstrierte man nicht nur, dass man etwas auf sich hielt – man zeigte sich zugleich als Speerspitze des Fortschritts, nutzte man doch diese bahnbrechende neue Technik. Na – und, dass man Geld hatte, zeigte man obendrein. War doch das fotografiert werden nicht gerade ein billiger Spaß.

Das Foto vom Cover des Buches ist übrigens ein scherzhaftes Familienporträt, denn alle Beteiligten wenden dem Betrachter den Rücken zu. Aguado machte übrigens die bemerkenswertesten Aufnahmen mit seiner Familie, die auf den Fotos zum Teil „Lebende Bilder“ nachstellten.

Zudem hat er die gesamte vornehme Gesellschaft des Hofes von Napoleon III fotografiert und diese finden wir unter anderen auch in diesem Buch wieder.

Das Besondere an seinen Porträts war im Übrigen, dass er sich nicht mit schlichten drapierten Vorhängen als Hintergrund zufrieden gab, sondern offensichtlich einen Bühnenmaler beschäftige, der die entsprechend theatralischen Inszenierungen für die Fotos schuf.

Was uns der Schirmer-Mosel- Verlag hier vorstellt, ist ein wahres Schatzkästlein von frühen Fotografien, die sonst sicherlich nur Fachleuten zugängig wären. Dank Wolfgang Kemp können wir sie tagtäglich genießen und so einen Einblick in die Vergangenheit erhalten, der uns sonst entgangen wäre.

Was speziell diesen Punkt angeht, hat mir das Buch einen wichtigen Anstoß zum Nachdenken geliefert: Warum wurden die Hof-Fotografen keine weltberühmten Künstler wie noch ihre Vorgänger mit Pinsel und Leinwand? Es lag wohl am Format. Die Ölgemälde wurden in Schlössern ausgestellt und von zahllosen Menschen gesehen. Die Fotografien hingegen verschwanden zumeist in Alben oder standen zu dutzenden gerahmt auf irgendwelchen kleinen Tischen.

Das in meinen Augen wichtigste Foto, das Aguado nie gemacht hat, war allerdings jenes seiner Geliebten Marie Duplessis, der berühmten „Kameliendame“. Die beiden verband eine vergleichsweise lange Beziehung und es war Aguado, der zusammen mit anderen Männern Maries Beisetzung organisierte und auch bezahlte.

Begeben wir uns nun in den deutschen Sprachraum und zwar in den Südosten – nach Österreich!

Michaela Pfundner legt mit diesem Buch einen wunderbaren Titel für all jene vor, die längst einmal wissen wollten, wie die Familie von Kaiser Franz Josef „in Echt“ ausgesehen hat.

Im Zentrum stehen die Arbeiten des Hoffotografen Ludwig Angerer …
1858 gründete er zusammen mit Hugo von Strassern das erste Fotoatelier, bereits 2 Jahre später war er selbständig und „kuk Hof-Photograph“.

Und auch bei Angerer finden wir die „Carte de Visite“ mit Foto wieder. Er war der erste, der sie, aus Paris kommend, in Wien populär machte. Man sieht, dass hier ein eindeutiger Bedarf gedeckt wurde.

Doch wir erfahren noch viel mehr! Wir erleben hochherrschaftliche Damen, die sich rauchend ablichten ließen und Herren, die sich auf Fotos selbst in den Mantel helfen.

Sich fotografieren lassen war ein wichtiges Freizeitvergnügen des (Hoch)Adels, wie wir hier sehen. Ob man sich in den prachtvollen Kostümen für entsprechende Bälle festhalten ließ, oder die Schlösser, in denen man lebte.
Dies übrigens ein ungemein wichtiges Zeitbild, denn viele dieser Schlösser und Villen existieren heute nicht mehr.

Fotos mit den Lieblingshaustieren waren auch enorm wichtig, wie wir besonders bei der Kaiserin Elisabeth sehen, denn es gibt zahlreiche Bilder mit ihren Hunden, aber nur eines mit ihren Kindern …

Es ist vor allem Angerer zu verdanken, dass wir heute diese hervorragenden Bilder haben und wissen, wie der Adel der damaligen Zeit wirklich ausgesehen hat.

Übrigens ist das Buch auch für Fans der historischen Mode eine echte Fundgrube, denn all die wunderbaren Kleider des 19. Jahrhunderts sehen wir hier getragen und die Fotos sind so scharf, dass man jedes Detail hervorragend erkennen kann.

Vom Format her ist es vielleicht nicht wirklich ein ausgesprochenes Coffee-Table-book, aber dennoch wunderbar dazu geeignet, immer wieder hervorgeholt und durchgeblättert zu werden, zumal die Texte, die jedes Kapitel einleiten, wirklich interessante historische Informationen bergen.

Der Allitera Verlag hat mit diesem großformatigen Band das sicherlich umfangreichste Buch meines heutigen Weihnachtsfest-Pakets vorgelegt.
Es verfolgt aber auch ein großes Ziel: die Darstellung der Wechselwirkung zwischen dem Haus Wittelsbach und der Fotografie des 19. Jahrhunderts.

Wir sehen durch den ganzen Band hinweg, wie wichtig ein Fürstenhaus war, wenn es darum ging, eine solche neue Technik bekannt zu machen und ihr Popularität zu verschaffen. Nur so konnte es gelingen, breite Massen für die Fotografie zu gewinnen. Dies zu einer Zeit, als der Siegeszug des Mediums keineswegs gesichert war.

Ebenso haben die Wittelsbacher früh das politische Potential der Fotografie erkannt. Zum ersten Mal konnten die Bilder von Fürsten und Fürstinnen für kleines Geld in Massen unters Volk gebracht werden.

Was für mich aber am schönsten bei diesem Buch ist: das Wiedersehen mit alten Bekannten. Begonnen mit Franz von Kobell, jenem Multitalent, der die erste so genannte Lichtzeichnung im deutschen Reich schoss und der auch hierzulande heute noch als der Dichter des „Brandner Kasper“ bekannt ist.

Von Kobell hat aber auch eine Beziehung zu meiner Geburtsstadt Mannheim: sein Vater war ebenfalls dort zur Welt gekommen und so verfasste Kobell auch literarische Werke in der Mannheimer Mundart. (P’älzische G’schichte‘. In der Mundart erzählt. München 1863)

Wir finden aber auch ein wunderbares Porträtgemälde der Therese Königin von Bayern, gemalt von Julie Gräfin von Egloffstein in dem Buch.

Diese Julie von Egloffstein taucht als „Julemuse“ in Thomas Manns Roman „Lotte in Weimar“ wieder auf, den ich so sehr mag.
Übrigens war es Königin Therese, die sich von Professor von Kobell in einem Kurs in die Kunst des Fotografierens einführen ließ. Was sogar einen Zeitungsartikel wert war.

Wir treffen bei den Foto-begeisterten Wittelsbachern natürlich auch Sisi, die bereits 1854 abgelichtet wurde.
An einem Armreif mit eingelassenem Foto der Kaiserin aus dem Jahre 1864 sehen wir, dass Fotos sehr bald schon zu persönlichen Liebesgaben wurden. In diesem Fall stammte das Porträt der Kaiserin von jenem Ludwig Angerer, den wir bereits kennengelernt haben.

Wir begleiten das Haus Wittelsbach nunmehr durch die Jahrzehnte bis hin zu Prinzregent Luitpold und seinem fotografisch festgehaltenem winterlichen Eisbad.

Seien es nun solche Aufnahmen der fürstlichen Freizeitbetätigung, oder auch Familienereignisse wie Hochzeiten und Todesfälle – alles wurde fotografisch festgehalten. Selbst das Innere der Schlösser wurde geknipst und so erhielt man der Nachwelt viele Eindrücke der längst verlorenen Lebenswelt des Hochadels.

Wir bewegen uns mithin durch die bewegte Familiengeschichte der Wittelsbacher, die auch bayerische Geschichte und gleichzeitig Fotografie-Geschichte ist.
Dass der Band sehr gute Fotos anbietet, versteht sich beinahe von selbst. Aber auch der Textteil nimmt breiten Raum ein. Es ist von daher kein Buch, das man innerhalb weniger Stunden durchliest. Auch ist es kein langweiliges Buch über die reine Entwicklung der Technik, sondern vielmehr ein Buch über die Menschen, die dieser Technik zum Siegeszug verholfen haben.

Übrigens ist dem Buch eine herausnehmbare Stammtafel der Wittelsbacher beigelegt für alle, die sich mehr Klarheit über die familiären Bezüge verschaffen wollen …

DIE FAKTEN:

Wolfgang Kemp: Olympe Aguado: Photographie am Hof Napoleons III., Schirmer-Mosel Verlag 2023, 120 Seiten, 39,80€
Catharina Berents: Contessa di Castiglione: Photographie am Hof Napoleons III.: Die Femme fatale des Second Empire, Schirmer-Mosel Verlag 2023, 120 Seiten, 39,80€
Michaela Pfundner: Der Fotograf des Kaiserhauses: Ludwig Angerer (1827–1879), Edition Winkler-Hermaden 2022, 160 Seiten, 38,90€
Bernhard Graf: Das Haus Wittelsbach und die Fotografie: Fotografie und Film erobern das Königreich Bayern, Allitera Verlag 2022, 224 Seiten, 35,00 €

Mehr zu den Verlagen:

Allitera Verlag: https://allitera-verlag.de
Schirmer- Mosel Verlag: http://www.schirmer-mosel.com/deutsch/index.htm
Edition Winkler-Hermaden: https://www.edition-wh.at

Wild about Harry

Wild about Harry

Prince Harry bewegt die Menschen. Im Guten wie im Bösen. Es gibt sicherlich nur wenige Menschen, die ihm indifferent gegenüberstehen, oder vielleicht noch nicht mal wissen, wer er überhaupt ist.
Mit Sicherheit dürfte er zu einem der berühmtesten Menschen auf dieser Erde zählen.
Grund genug, seinem Leben einen sehr schönen Bildband zu widmen …

Prince Harry gehört wohl – auch wenn es ihm nicht gefällt – zu den berühmtesten Menschen der Erde. Seit Jahrzehnten fiebert die Öffentlichkeit mit, wenn es um ihn geht.
Es gibt nun so einige Biografien über den Prinzen und sogar seine notorische Autobiografie. Ein Bildband fehlte allerdings bislang.

Lifestyle Busse Seewald hat ihn nun in Zusammenarbeit mit dem Future Verlag vorgelegt.

Zunächst wissen alle, die mich kennen, dass ich nicht zum Fanclub des Prinzen gehöre. Ich habe ihn schon immer kritisch gesehen und das hat sich in den letzten Jahren nicht geändert. Eher im Gegenteil.

Nun kann man sich natürlich zu Recht fragen, wieso ich einen Bildband zu einem Mann empfehle, den ich noch nicht mal besonders mag. Dessen Aktionen ich sogar rundweg ablehne.

Nein – ich verweise nicht auf den „alten Harry“, der so gerne beschworen wird, wenn man wenigstens ein Zipfelchen Gutes an ihm finden will. Ich verweise auch nicht auf Meghan, „ohne die er viel besser dran wäre“.

Ich empfehle dieses Buch, weil es für mich eine Balance herstellt. Die Autoren stellen den Prinzen so positiv dar, als habe es nie „Spare“ / „Reserve“ gegeben. Sie zeigen all die schönen Fotos mit Meghan, mit seiner Mutter, seinem Bruder etc.

Es ist geradezu, als wolle man ein Paralleluniversum schaffen, in dem es keinen rachsüchtigen, verleumderischen, ja geradezu menschenverachtenden Prinzen (wie wir ihn in seinen Memoiren kennengelernt haben) gibt.

Und das ist okay. Zum einen, weil es da draußen eine Menge Leute gibt, die Harry einfach anders, nämlich positiv, sehen. Zum anderen, weil es unsere Vergangenheit gibt. Jene Vergangenheit, in der Harry ein kleiner, rothaariger Junge mit der berühmtesten Mutter der Welt war. Wir dürfen uns daran erinnern, dass Menschen Fehler machen, aber auch die Chance bekommen sollten, sie zu erkennen und sich eines Besseren zu besinnen.

In diesem Sinne ist das Buch auch meine ganz persönliche Rückversicherung. Ich bin nämlich nach wie vor der Meinung, dass unser Blick von den Medien gelenkt wird. Ich erinnere mich nur allzu gut an das Schicksal von Sarah Ferguson, die auch niedergemacht wurde. Von der wir alle nur das Allerschlimmste dachten. Jene Herzogin von York, die bis in die USA rannte, um dem hiesigen Hass auf sie und ihren „Zehennuckler“ zu entkommen. Und heute? Jahre harter Arbeit und Hingabe an soziale Aufgaben haben die Herzogin zurück in unser aller Herzen gespült und es scheint heute für Fergie beinahe unmöglich, etwas falsch zu machen.

Dies ist mir eine Lehre, wenn es um Harry und Meghan geht. Ich betrachte ihre Aktionen und mache mir ein Bild. Da ich aber weiß, wie schnell sich der Wind drehen kann, halte ich das Buch in Ehren und blicke ab und an hinein. Vielleicht ist der Tag nämlich nicht mehr fern, wo es Harry und Meghan sind, die von den Medien in unsere Herzen zurückgespült werden.

Die Bilder im Buch sind rundweg gelungen. Eines meiner Lieblinge ist jenes auf dem die beiden in ihren strahlend roten Uniformen zu sehen sind.
Ergehen wir uns also in jenen Bildern der Vergangenheit und warten wir ab, was die Zukunft bereithält. Nicht nur, was Harry und Meghan angeht…

Ihr bekommt das Buch übrigens für 22 Euro bei 126 Seiten und mit über 200 (teils großformatigen) Bildern.

Wenn ihr noch weiter beim Busse Seewald Verlag schnuppern wollt, empfehle ich euch deren Homepage:
www.topp-kreativ.de
Ich mag den Verlag – wie ihr natürlich wisst – sehr, denn er gehört zu den wenigen Verlagen, die immer wieder sehr schöne Bücher zu royalen Themen bringen.

Wien, Wien, nur du allein … Viena, Viena, tú sola …

Wien, Wien, nur du allein … Viena, Viena, tú sola …

So heißt es ja in dem alten Schlager und ich habe mir für das kommende Jahr vorgenommen, das mal auszutesten.

Im Moment bringe ich mich aber sozusagen noch in Stimmung für die große, alte Stadt. Zunächst indem ich nach passenden Reiseführern suche. Wobei für mich ein Reiseführer immer noch mehr können muss, als nur sagen: „Das ist toll, das solltest du dir anschauen. Es hat die und die Öffnungszeiten und nebendran kannst du dort und dort gut essen.“ Das kann jede entsprechende App.

Ich will mehr erfahren. Die Atmosphäre der Stadt begreifen. Die Bilder müssen eine ganz besondere Qualität haben, können gerne auch künstlerisch angehaucht sein. Geht euch das genauso? Oder habt ihr lieber etwas, das euch kurz und knackig die tollsten Sehenswürdigkeiten und Lokale in einer bestimmten Gegend zeigt?

Dann habe ich für beide Wünsche etwas …

Eso es lo que dice la vieja canción y he decidido probarlo para el año que viene.

De momento, sin embargo, me sigo animando con la gran ciudad antigua. En primer lugar, buscando guías de viaje adecuadas. Para mí, una guía de viajes tiene que ser capaz de hacer algo más que decir: „Esto es genial, deberías ir a verlo. Tiene estos y estos horarios de apertura y puedes comer bien allí y allí“. Cualquier aplicación puede hacer eso.

Quiero saber más. Entender el ambiente de la ciudad. Las fotos tienen que tener una calidad muy especial y también pueden tener un sabor artístico. ¿Piensa lo mismo? ¿O prefiere algo que le muestre en pocas palabras las mejores vistas y lugares para comer de una zona concreta?

Entonces tengo algo para ambos deseos…

Organisation und Struktur
Organización y estructura

Für diesen Bereich bin ich ich beim Dumont- Verlag fündig geworden.

En esta zona encontré lo que buscaba en la editorial Dumont.

Was ihr hier seht, ist die aktuelle Auflage des Heftes, das aus einer sehr umfangreichen Reihe des Dumont Verlags stammt.
Ihr findet die Hefte meist an einem zylinderförmigen Drehaufsteller im Buch, -oder Zeitschriftenhandel.

Thema „Auflage“ – Das ist gerade bei Reiseführern ein sehr wichtiges Thema, denn wenn ihr zum Beispiel bei Amazon zum Marketplace geht, findet ihr oftmals, zu einem sehr geringen Preis, ältere Auflagen, die nicht mehr up to Date sind.
Aber gerade bei Reiseführern wollen wir ja die aktuellen Informationen, auf die wir uns bei unserer Planung auch verlassen können. Deswegen mein Tipp: entweder ihr achtet sehr genau auf die korrekte Ausgabe, oder ihr nehmt ein paar Euro mehr in die Hand und kauft gleich ein aktuelles Exemplar. Denn wie ich immer sage: „Wenn ich Urlaub eines nicht brauche, dann sind es Enttäuschungen!“

Lo que ve aquí es el número actual de la revista, que forma parte de una serie muy extensa publicada por Dumont Verlag.
Suele encontrarse en un expositor cilíndrico giratorio en las librerías o tiendas de revistas.

Edición“ – Este es un tema muy importante, sobre todo en el caso de las guías de viajes, porque si uno va al mercado de Amazon, por ejemplo, a menudo encontrará ediciones antiguas que ya no están actualizadas a un precio muy bajo.
Pero, sobre todo en el caso de las guías de viaje, queremos la información más reciente en la que podamos confiar a la hora de planificar nuestro viaje. Así que mi consejo: o te fijas bien en la edición correcta, o te gastas unos euros más y compras un ejemplar actualizado. Porque como siempre digo: „Si hay algo que no necesito en vacaciones, ¡es decepción!“.

Eine Beispielsweise aus dem Heft mit der von Infos nur so strotzenden Karte

Wichtig ist natürlich immer gutes Kartenmaterial. Wenn ihr euch mit Handy durch Großstädte bewegt, mag das Thema Internet-Verbindung jetzt nicht soooo wichtig sein, aber gerade wenn man auf dem Land unterwegs ist, und die App plötzlich weg ist, wird das schnell zum Problem. (Andererseits lernt man so dann die einheimische Bevölkerung kennen, während sie einem aus der Klemme hilft …)
Bei diesen Karten finde ich angenehm, dass ich sehr viele Informationen bekomme, die auf der rechten Seite vorgestellten Sehenswürdigkeiten aber dennoch gut zu finden sind. (Ich habe schon Karten erlebt, bei denen die Zahlen so winzig waren, dass ich sie mit dem Handyfoto vergrößern musste … Oder ich hatte die 10, 11, 12, 13 dicht beieinander und die 14 war plötzlich an einer vollkommen anderen Stelle … Das macht keinen Spaß!)
Wie ihr ebenfalls sehen könnt, sind die Seiten mit der Karte auch die Seiten, bei denen man eine kurze Zusammenfassung der Sehenswürdigkeiten, sowie die wichtigsten Daten, wie Telefonnummer, Homepage etc findet.

Por supuesto, unos buenos mapas son siempre importantes. Si viajas por grandes ciudades con un teléfono móvil, la conexión a Internet puede no ser tan importante, pero si estás en el campo y la aplicación desaparece de repente, puede convertirse rápidamente en un problema. (Por otro lado, conoces a los lugareños mientras te ayudan a salir de un apuro…).
Con estos mapas, me gusta recibir mucha información, pero los lugares de interés que se presentan a la derecha siguen siendo fáciles de encontrar. (Ya he visto mapas en los que los números eran tan pequeños que tuve que ampliarlos con la foto del móvil…). O tenía el 10, 11, 12, 13 muy juntos y el 14 estaba de repente en un lugar completamente distinto… Eso no es divertido).
Como también puedes ver, las páginas con el mapa son también las páginas donde puedes encontrar un breve resumen de los lugares de interés, así como los datos más importantes, como el número de teléfono, la página de inicio, etc.

FAZIT:

Das Heft ist ein absoluter Klassiker, wenn es gilt, knackige Informationen und schöne, informative Bilder zusammenzubringen. Es ist natürlich kein Baedeker oder Vis-à-Vis. Diesen Anspruch hat das Heft aber auch nicht. Ich gehe davon aus, dass der Ursprungsgedanke war, im Prinzip eine Zeitschrift zu schaffen, die aber die Informationen eines „richtigen“ Reiseführers bietet.
Man kann dieses Heft überall mit hinnehmen und darin blättern.
Dazu kommen sehr ansprechende Fotos, die die Sache abrunden. Vor diesem Hintergrund erfüllt der Dumont Bildatlas absolut seinen Zweck und kann auch schön gesammelt werden.

CONCLUSIONES:

La revista es un clásico absoluto cuando se trata de combinar información nítida y fotos bonitas e informativas. Por supuesto, no es ni Baedeker ni Vis-à-Vis. Pero no pretende serlo. Supongo que la idea original era crear una revista en principio, pero que ofreciera la información de una guía de viajes „de verdad“.
Puedes llevarte esta revista a todas partes y hojearla.
Además, las fotos son muy atractivas. Con este telón de fondo, el Bildatlas de Dumont cumple perfectamente su función y, además, se puede coleccionar.

Bei meinem zweiten Tipp haben wir es nun mit einer ganz anderen Kategorie zu tun.
Es ist eigentlich ein Vorer-Nachher-Reisebuch. Warum „Vorher-Nachher“? Weil man es VOR der Reise liest und anschaut und DANACH, denn hier liegt der Schwerpunkt eindeutig auf den atmosphärischen Bildern.

Mi segundo consejo pertenece a una categoría completamente diferente.
En realidad es un libro de viajes del antes y el después. ¿Por qué „antes y después“? Porque lo lees y lo miras ANTES del viaje y DESPUÉS, porque aquí el foco está claramente en las imágenes atmosféricas.

Es sind diese Bilder, die mich so faszinieren und das Buch zu einem Erlebnis machen.

Allerdings gleich zur Warnung: Ihr findet hier keine Detailinfos. Es gibt kleine Texte, die etwas zur Geschichte der Sehenswürdigkeit sagen, aber keine Homepage-Angaben oder Öffnungszeiten. Es ist ein Bildband zum Schwelgen und Träumen. Natürlich gibt es auch Infos, aber die beschränken sich auf kleine Textblöcke.

Übrigens bin ein großer Fan des Kunth Verlags, auch und speziell mit seiner Reisebücher-Reihe, die ein gutes Stück handlicher ist und auch mehr Gewicht auf den Textteil legt. In meinem YouTube-Video („Wien – Mehr als nur Zentralfriedhof“) stelle ich euch auch diese Reihe kurz vor.

Son estas imágenes las que tanto me fascinan y hacen del libro toda una experiencia.

Sin embargo, una advertencia: aquí no encontrará información detallada. Hay pequeños textos que cuentan algo sobre la historia de la atracción, pero no hay detalles de la página web ni horarios de apertura. Es un libro ilustrado para rememorar y soñar. Por supuesto, también hay información, pero se limita a pequeños bloques de texto.

Por cierto, soy un gran admirador de Kunth Verlag, especialmente con su serie de libros de viaje, que es bastante más manejable y también hace más hincapié en la sección de texto. En mi vídeo de YouTube („Viena – Algo más que el Cementerio Central“) también hago una breve introducción a esta serie.

FAZIT:

Beide Bücher geben einen wunderbaren Eindruck von Wien (wenn ich leider erst im kommenden Jahr in der Lage sind werde, die Probe aufs Exempel zu machen …).
Die Entscheidung hängt davon ab, was man mit dem Buch will, beziehungsweise, was man braucht. Will man schwelgen oder will man planen.

CONCLUSIONES:

Ambos libros dan una magnífica impresión de Viena (aunque por desgracia no podré ponerlos a prueba hasta el año que viene…).
La decisión depende de lo que quieras con el libro y de lo que necesites. ¿Quiere darse un capricho o quiere planificar?

FAKTEN:
DuMont Bildatlas Wien: Das praktische Reisemagazin zur Einstimmung, DuMont Verlag Februar 2023, 120 Seiten, 11,50 €

Das Wien Buch: Highlights einer faszinierenden Stadt, Kunth Verlag, 2011, 256 Seiten

Herbstträume mit Tweed Time

Herbstträume mit Tweed Time

Mit „Tweed Time“ hat mich ein ganz außergewöhnliches Herbst-Buch erreicht, das Rezepte, jahreszeitliche Impressionen, Bastelideen und Reiseberichte aus Schottland vereint.

Ich bin ja nun bekennender Herbst-Fan. Von den ersten feuerroten Blättern, über die tiefblauen Trauben meiner Pfälzer Heimat, bis hin zu den sturmgetrieben, stahlgrauen Wolken – ich liebe jeden Moment, wenn das Jahr mit einem Wechsel von Regen und Sonnenschein und umwabert von Nebel zu Ende geht.

Genau in diese Stimmung passt Theresa Baumgärtners Buch.
Es ist eine Sammlung aus ihren schottischen Reiseerinnerungen und Herbstimpressionen rund um Hazlenut House, ihrem luxemburgischen Refugium, in dem sie Hotelgäste empfängt und Workshops veranstaltet.

Was mich nun am meisten an dem Buch begeistert, sind die herrlichen Fotos. Sie atmen förmlich den erdigen Touch von Rüben und welkem Laub.

Credit: ©Melina Kutelas/ Brandstätter Verlag

Stimmungsvoll sind aber auch die Schottlandbilder, die einen in die Welt des Tweeds entführen und die Tradition der Stoffherstellung vorstellen. Doch nicht nur Tweed steht im Mittelpunkt – auch bodenständige, schottische Floristik.

Hier nun hat das Buch seine ganz großen Stärken: dank der wunderbaren Bilder animiert es die Leser, sich selbst nach draußen zu begeben, Inspirationen aufzunehmen und dann aktiv zu werden.
Sei es nun kochend, backend oder bastelnd.
Die Vorschläge, die Theresa Baumgärtner macht sind einfach nachzuvollziehen und man muss nicht erst groß einkaufen gehen, um die hübschen herbstlichen Basteleien herstellen zu können.

Credit: ©Melina Kutelas/ Brandstätter Verlag

Sind kleine Kinder mit im Spiel, wird es sogar noch toller, denn sie können im Handumdrehen kreativ werden.

In diesem Sinne ist das Buch auch etwas, das mich an meine eigene Kindheit erinnert, wo wir Wald und Wiesen unsicher gemacht haben, um Material für unsere Basteleien zu finden. Ob es die Rosskastanien waren, die wunderbare Halsketten ergeben haben, oder die knallroten Hagebutten, die man mit buntem Laub in eine Schale legen konnte und eine dicke Kerze hineinstellen …

Credit: Petra von Straks

Insofern sei das Buch nicht nur Herbst-Fans empfohlen, sondern auch all jenen, die sich einfach inspirieren lassen wollen, was man in und mit der Natur so machen kann.
Und all diejenigen, die jetzt nicht so mir nichts dir nichts nach Schottland reisen können – na, die können mit dem Buch einfach eine Traumreise starten.

Credit: Petra von Straks

FAKTEN:

Theresa Baumgärtner: Tweed Time, Brandstätter Verlag 2023, 256 Seiten, 36 €

Weitere Infos:

www.hazlenut-house.com
www.brandstaetterverlag.com

Und meine Buch Vorstellung als Video findet ihr unter:
https://youtu.be/qI2qENo0EhE?si=X0ZaTAAP0hAdaXgu

Viel Spaß!

Speyer for Runaways …

Speyer for Runaways …

Gut, ich gebe zu, dass sich der Wortwitz meiner Überschrift nicht zwingend erschließt, aber das tut der Qualität des Buches keinen Abbruch, das ich euch jetzt vorstellen möchte.


Seit meiner Schulzeit verbindet mich mit der Stadt Speyer ein großes Interesse an der (Stadt) Geschichte.
Da diese Schulzeit nun schon einige Jahrzehnte zurückliegt, ist auch mein Kenntnisstand zum Thema entsprechend gewachsen.
Was mir aber alles so entgangen ist, habe ich erst begriffen, als mir der Emons Verlag dieses Buch zur Verfügung gestellt hat.

Was ist nun das Besondere an der 111 Orte- Reihe?

Wir alle kennen die normalen Reiseführer. Die tollsten Sehenswürdigkeiten, die hipsten Restaurants, die ungewöhnlichsten Läden. Wie komme ich hin und was kostet etwas Eintritt.
Was Speyer betrifft, taucht in dem Fall der Dom auf und das Historische Museum der Pfalz. Das Feuerbach- Haus und die jüdische Mikwe.

Wieviele Reiseführer über Speyer aber kennt ihr, in denen es um Alchemisten, Axtmörder und tausendjährige Häuser geht?

Genau! In „111 Orte in Speyer, die man gesehen haben muss“.

In diesem Buch von Regina Urbach findet ihr natürlich auch die Angaben von Öffnungszeiten, Adresse und ÖPNV-Verbindung. Aber eben zu Orten, die man nicht unbedingt auf der Liste gehabt hätte.
Es gibt auch den einen oder anderen Tipp, der sich nicht auf die Speyrer Innenstadt bezieht, so zum Beispiel das „Galgenplätzel“, an dem heute noch ein Galgen zu sehen ist, wie man ihn in früheren Zeiten verwendet hat. Es ist schon etwas gruselig, wenn Urbach berichtet, dass an jener Stelle nahe dem Dorf Lingenfeld nichts gedeiht und nur der Galgen sich wohlzufühlen scheint. Ein 1956 dort gepflanzter Mammutbaum ist bereits eingegangen und die Anrainer lassen das Areal in Ruhe.
Es ist übrigens auch der einzige Richtplatz, der eine eigene Flurnummer hat.
Einen ähnlichen, wenn auch nicht ganz so plastisch bestückten Ort finden wir in der Nähe von Bad Dürkheim.
An diesen Orten zu stehen und zu wissen, dass hier Menschen hingerichtet wurden, nur weil sie vor Hunger gestohlen haben, bringt einen zum Nachdenken, ob die „guten alten Zeiten“ wirklich so gut waren.

Mit größtem Vergnügen wiederum liest man sich durch all die kleinen Historien und Histörchen, die eine Stadt tatsächlich ausmachen. Man kann zu jenen Orten spazieren und so viel über den Alltag der Menschen früherer Zeiten lernen. Sei es, dass man etwas über die „Elendherberge“ erfährt (bei der Nomen nicht gleich Omen war …) oder über eine Buchrestauratorenwerkstatt.

Natürlich besucht man in jeder Stadt im Normalfall zuerst die großen Sehenswürdigkeiten, aber ich finde es ungemein spannend, wenn man sich dann mit jenen nicht allgemein bekannten, aber doch umso interessanteren Orte befassen kann.

Ach – jetzt bin ich euch ja noch den Axtmörder schuldig …

Im Oktober 1947 erschlug Edmund Balthasar seine Lebensgefährtin Johanna mit einer Axt und brachte die Leiche danach nach Berghausen, um sie dort zu vergraben. Geschnappt wurde er wegen … ein paar geliehener Schuhe.
Wer mehr zu dem Fall wissen will, sollte ins Buch schauen, oder die Axtmörder- Stadtführung mit Ludwig Ofer mitmachen. Dort erfährt man alles über den Fall, der sogar einen Roman und eine Dokumentation hervorgebracht hat. Auch dazu informiert das Buch übrigens …

DIE AUTORIN:

Dr. Regina Urbach ist promovierte Historikerin, Autorin und Redakteurin. Wohnhaft in Worms, hat sie auch schon einen 111 Orte- Band über ihren Wohnort verfasst.

FAZIT:

Als große Freundin oftmals wenig beachteter Sehenswürdigkeiten, empfehle ich diese Reihe all jenen, die nach den „Hidden Gems“ suchen. Oder auch jenen, die mehr über all das erfahren wollen, was sie an ihrem Weg entdecken. Die Angaben im Buch sind korrekt, können sich aber natürlich im Laufe der Zeit ändern. Also zum Beispiel Öffnungszeiten. Deswegen rate ich dringend, sich vorher auf der Website zu informieren.
Im Anhang gibt es eine sehr gute, übersichtliche Karte, die einem beim Besuch entschieden hilft, zumal es in einer Altstadt auch gerne mal verwinkelt zugeht.

Das Buch hat mir zahllose Infos geliefert, mit denen sogar ich, die ich Speyer seit Jahrzehnten gut zu kennen glaubte, so manche interessante Stunde verbringen konnte. Und noch verbringen werde …

FAKTEN:

Regina Urbach: 111 Orte in Speyer, die man gesehen haben muss, Emons Verlag 2023, 231 Seiten zzgl. Karten, 18,60€

Mehr Infos direkt beim Verlag:
https://emons-verlag.de


Neuigkeiten vom Wiener Hof

Neuigkeiten vom Wiener Hof

Kaiserin Elisabeth von Österreich fasziniert die Menschen bis heute.
Auch mich.
Allerdings muss ich auch gestehen, dass mein Bild von ihr alles andere als positiv ist …
Da ich nun gerne all das hinterfrage, was ich so an Vorstellungen über die Vergangenheit habe, wartete ich sehnsüchtig auf eine neue Sisi-Biografie, die eventuell noch das eine oder andere Neue seit Erscheinen der epochalen Kaiserinnen-Biografie von Brigitte Hamann bringen würde.
Mir konnte geholfen werden!





Zunächst eine WARNUNG!
Dieses Buch zerschießt euch alle rosaroten Blütenträume, die ihr je von Sisi gehabt haben mögt und füllt gleichzeitig jene Lücken, die Hamann noch stehen lassen musste, da die entsprechenden Quellen einfach nicht vorlagen.

Da es zahllose Biografien gibt, die das Leben der Kaiserin schildern, konzentriert sich Katrin Unterreiner auf jene Bereiche, die aufzuklären sie sich vorgenommen hat. Seien es die Reisen der Kaiserin, ihr Begleitpersonal oder ihr privates Vermögen.
Hier tun sich dann auch Abgründe auf, wenn ich das so sagen darf, ohne zu Spoilern.

Mein eigenes Bild der Kaiserin war – jenseits meiner Liebe zu Romy Schneider und jenseits der Sissi-Filme – ein negatives.
In meinen Augen war sie eine auf SEHR hohem Niveau jammernde Frau, die sich selbst permanent bemitleidete und mit einer kaum noch nachvollziehbaren Egomanie alle und alles ignorierte, worum sie sich eigentlich hätte kümmern müssen. Inklusive ihrer engsten Familie.

Nun dachte ich immer, dass ich ein zu negatives Bild von Sisi hätte und wartete gespannt auf Unterreiners Buch, das neue Informationen und Belege versprach.
Ich wurde nicht enttäuscht.

Wir alle wissen ja, dass der Großteil von Sisis Erwachsenenleben aus Reisen bestand. Wohl gemerkt: Vergnügungsreisen! Denn sie vermied es so gut es nur ging, auf andere Staatsoberhäupter zu treffen, oder sonstwie zu repräsentieren.
Für diese Reisen kamen der Kaiser privat oder die kaiserliche Schatulle, sprich: der Steuerzahler, auf.
Alleine dieses Kapitel über die Reisen lässt einen erkennen, mit wem man es bei Sisi zu tun hatte … Sie fragte nicht, was etwas kostete oder was sie anderen abverlangte – sie sah nur, was ihr selbst in den Sinn kam und das wurde umgesetzt.

So schreibt die ihr ergebene Hofdame Marie Festetics:
„Am Schiff wird es von Tag zu Tag unerträglicher … Ihre Majestät besetzt das ganze Schiff, wenn es regnet, oder am Abend weiß man nicht wohin zu gehen. Ihre Majestät erzählt die vertraulichsten Sachen, sie ist sehr lieb und gut, doch oft erschaudere ich über die schöne Seele, die in Egoismus und Paradoxen untergeht.“

Wenn das nun schon eine Frau schreibt, die der Kaiserin zutiefst ergeben war – was dachten dann erst andere von ihr? Zum Beispiel das Personal, das mitreisen musste? Wenn man alleine bedenkt, dass die Kaiserin bei jeder Witterung Wandern ging oder in See stechen ließ … (Wobei sie gerne ihre wertvollen Kleider – sobald es ihr heiß wurde – einfach zu Boden warf. Ihre Begleiter durften diese dann aufheben und tragen …)

Es ist in diesem Zusammenhang übrigens traurig in dem Buch zu lesen, was der Kaiser selbst an seine Frau geschrieben hat:
Meine Stimmung ist melancholisch mit wehem Herzen und Heimweh nach Gastein. Als ich Gestern den Berg unter der Johannespromenade hinunter fuhr und mich traurig und sehnsüchtig nach der Helenenburg umsah, glaubte ich Deinen weißen Sonnenschirm auf dem Balkon zu erkennen und die Tränen traten mir in die Augen. Nochmals meinen heißen Dank für Deine Liebe und Güte während meines Gasteiner Aufenthaltes; so gute Tage habe ich jetzt selten.
An dieser Stelle sei noch einmal daran erinnert, dass Sisi ihren Mann nicht so alleine ließ, weil sie vielleicht hätte zur Kur gemusst oder durch andere Notwendigkeiten von ihm ferngehalten gewesen wäre. Nein! Sie machte Urlaub. Wie immer. Beziehungsweise, besuchte die Familie in Bayern. (Bei ihrem Tod stellte man übrigens fest, dass sie kerngesund war. Selbst das jahrelang vorgeschützte Herzproblem existierte nicht!)

In Bayern war sie übrigens, wie Unterreiner belegen kann, wesentlich öfter als allgemein angenommen. Sisi hielt sich sehr oft in München auf, um in der Nähe ihrer Mutter und Geschwister zu sein. Besonders an ihrer Mutter hing sie offensichtlich sehr, wohingegen sie ihre Schwestern nur dann schätzte, wenn diese sich ihr vollkommen unterordneten.
Was diese Familienbesuche anging, so waren sie nicht weniger kostspielig als ihre Fernreisen. Ein Sommeraufenthalt der Kaiserin in Feldafing und Ischl 1883 kostete umgerechnet ca. 2,7 Millionen Euro. Und das – so belegt es Hinterreiner – war nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Woher das kam? Auch dieses Rätsel wird gelöst: Die angeblich so menschenscheue und auf Einsamkeit bedachte Kaiserin reiste keineswegs nur von einer Hofdame begleitet. Mitnichten!
Jede Reise erforderte ein ungeheures Gefolge und einen ungeheuren Aufwand. Begleitet wurde sie im Normalfall von mindestens 50 Bediensteten/ Begleitpersonen. Mitgeführt wurden u.a. Mobiliar, Geschirr, Hunde, Pferde. Wobei alleine ihr Fechtmeister pro Monat umgerechnet 8.400 Euro Gehalt bekam.
Da Sisi eine zeitlang auf frischer Schafsmilch bestand, wurde nicht nur ein Schaf angeschafft, sondern eine ganze Herde gekauft.
Und was der Narreteien mehr waren.
Dies alles – wohlgemerkt – zu Zeiten, da sich Österreich in einer tiefen wirtschaftlichen Krise befand und die Menschen kaum die Kartoffeln auf dem Teller bezahlen konnten.

Wenn es nun nur Sisis Verschwendungssucht gewesen wäre, so hätte man vielleicht noch irgendwo sagen können: ja, sie war halt ein schwieriger Charakter, sie nutzte die Liebe ihres Mannes aus etc. Sie hatte als junge Kaiserin schwere Zeiten zu überstehen gehabt und war sich vielleicht auch über die Tragweite ihrer Extratouren gar nicht im Klaren …


Doch da war noch etwas anderes…

Sisi hatte einen zutiefst bösartigen Zug, der sie – beinahe soziopathisch – von scheinbar jeglicher Empathie fernhielt.

Wir alle kennen die Geschichte der zutiefst unglücklichen Ehe ihres Sohnes, des Kronprinzen Rudolf, mit Stephanie von Belgien. Das junge Mädchen, aus einem zerrütteten Elternhaus stammend (Kongo- Dämon Leopold II war ihr Vater), war weder gebildet noch schön. Sie konnte weder mit den anderen Damen bei Hof mithalten, noch gab es auch nur so etwas wie Zuneigung zwischen dem Kronprinzen und ihr.


Es steht wohl inzwischen fest, dass Rudolf seine Frau mit Syphilis angesteckt hat und sie deswegen nach der Tochter kein weiteres Kind mehr bekommen konnte. (Die Schuld dafür gab Sisi – erwartungsgemäß – der Schwiegertochter.)
Elisabeth nun – bei der wir immer wieder über ihre böse Schwiegermutter Sophie hören – entpuppte sich als Schwiegermutter from Hell für Stephanie.
Man muss nun zu Sisis Gunsten sagen, dass sie nicht erst nach der Hochzeit mit dem Stänkern gegen Stephanie anfing, sondern von Anfang an gegen die geplante Ehe anging.
So oft als möglich erklärte sie ihrem Sohn, wie unpassend das Mädchen für ihn sei und stellte unermüdlich deren Nachteile heraus. (Wobei sie da offensichtlich offene Türen einrannte …).
Da die Ehe vom Kaiser allerdings beschlossen war (und andere Prinzessinnen bereits dankend abgelehnt hatten), fand die Trauung statt.
Doch das bedeutete für Sisi keineswegs, dass sie sich geschlagen gab und die beiden jungen Leute einfach ihren gemeinsamen Weg finden ließ – die Kaiserin ließ keine Gelegenheit verstreichen, an der sie die Schwiegertochter bloßstellen oder beleidigen konnte. Dies nicht nur hinter deren Rücken, sondern auch direkt in ihr Gesicht.
War niemand da, bei dem sie über Stephanie ablästern konnte, so bedachte sie die Schwiegertochter in ihren Gedichten mit „Aufmerksamkeit“:

Ob’ron, ei! Zu deiner Rechten
Welch‘ ein mächtig Trampeltier,
Statt der langen falschen Flechten
Siehst du blondes Fell jetzt hier!

Dieses „Trampeltier“ über das sie nach dem Geburtstagsdiner anlässlich Kaiser Franz Josefs 57. Geburtstag dichtet, ist keine andere als Stephanie von Belgien.

Aber es wird in diesem „Gedicht“ noch besser, denn sie nimmt sich sogar ihre eigene Tochter Gisela mit deren Kindern vor:

Oberon zu deiner Linken,
Einer rackerdürren Sau
Blaue Äuglein ehrlich blinken
Ähnlich Dir fast im Geschau.

Ihre Ferkelein, herzig kleine,
Bracht’s sie aus dem Nachbarreich;
Sehen dort dem Vaterschweine
Bis aufs letzte Härchen gleich.

Wer solch eine (Schwieger)Mutter hat, braucht keine Feinde mehr …

So schlimm diese Zitate sind, so kurzweilig machen sie das Buch doch auch.
Die vielen alten Zöpfe, die Unterreiner gleichzeitig abschneidet, beziehen sich nicht nur auf die angeblich so einsamen Reisen der Kaiserin, sondern auch nicht zuletzt um ihre viel diskutierte Ernährung.
Es gelingt der Autorin, zum Beispiel mittels Lebensmittelrechnungen und Aufzeichnungen der Beteiligten, nachzuweisen, dass Sisi keineswegs unter Essstörungen litt.
Bulimie oder Anorexie wären auch nicht vereinbar gewesen mit dem äußerst sportiven Lifestyle, dem Sisi frönte. Seien es die Hetzjagden zu Pferd oder die tagelangen Gewaltmärsche bei Wind und Wetter durch die Berge – ohne etwas im Magen hätte sie das sicherlich nicht geschafft.
Im Gegenteil! Unterreiner stellt Sisis teilweise exzentrische Ernährung vor, die zwischen Diäten und Völlerei zu schwanken schien. So genoss sie, wenn sie sich in München aufhielt, jedesmal die Schweinshaxen und Bier im Hofbräuhaus. Ansonsten hatte sie einen Hang zu Süßem. Sei es Veilchen-Eis oder österreichisch- bayerische Mehlspeisen.

Es werden ja gerne Vergleiche zwischen Sisi und Prinzessin Diana angestellt.
Es gibt tatsächlich eine Verbindung zwischen den beiden Frauen:
Sisi hielt sich des öfteren in Althorp zu Jagden auf, jenem Schloss, in dem Diana aufgewachsen ist. Bei der Organisation ihrer Jagdaufenthalte unterstützte übrigens Dianas Ahnherr Lord Spencer, der damalige Vizekönig von Irland.
Ich fürchte, dass damit die Parallelen zwischen den beiden Frauen enden …

FAZIT:

Für mich ist das von Unterreiner vorgelegte Buch eines der wichtigsten wenn es darum geht, sich ein vollständiges Bild vom Leben der Kaiserin zu machen. Seien es ihre Reisen, ihre Ernährung oder ihre innenfamiliären Beziehungen. Hier kann man sich ein authentisches Bild der Kaiserin machen.
Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen und mich nicht eine Sekunde gelangweilt. Auch bin ich auf keinen Punkt gestoßen, den ich als schlecht belegt oder unlogisch empfunden hätte.
Schlussendlich bin ich ungeheuer froh, dass ich das Buch entdeckt habe und euch vorstellen darf.

ZUR AUTORIN:

Katrin Unterreiner ist studierte Historikerin und war lange Jahre wissenschaftliche Leiterin der Schloss Schönbrunn Ges.m.b.H. und Kuratorin des Sisi-Museums in der Wiener Hofburg. Sie veröffentlicht immer wieder Titel zum Thema k. u. k. – Monarchie und ist beratend für TV-Dokumentationen tätig.
Also – eine Frau mit enorm viel Expertise.

FAKTEN:

Katrin Unterreiner: Sisi – Das geheime Leben der Kaiserin, Ueberreuther Verlag 2023, 198 Seiten, 25 €

MEHR INFOS:

https://www.ueberreuter.at

Marie Antoinette – Nur nicht den Kopf verlieren

Marie Antoinette – Nur nicht den Kopf verlieren

Fast auf den Tag genau 230 Jahre ist es jetzt her, dass Königin Marie Antoinette von Frankreich (oder die „Witwe Capet“, wie sie damals offiziell hieß) in Paris die Guillotine besteigen musste. 91 Jahre ist es wiederum her, dass die bekannteste und derzeit einzige deutschsprachige Monographie über die Königin auf Deutsch erschienen ist: Stefan Zweigs „Marie Antoinette: Bildnis eines mittleren Charakters“. (Was die ganze Sache in vier Worten zusammenfasst …)
Höchste Zeit also, eine neue Biografie der Königin vorzulegen:

Credit: Molden Verlag

Michaela Lindinger und dem Molden Verlag ist es zu verdanken, dass man sich heute ebenso frisch wie fundiert mit dem Leben der Tochter Kaiserin Maria Theresias befassen kann.
Es war höchste Zeit, denn inzwischen haben mehrere Filmemacher Werke über die Königin vorgelegt, die dringend einer sachlichen Darstellung des Themas bedürfen.

Da ich oft in Frankreich bin, habe ich mich schon seit Jahren mit Titeln über das Thema eingedeckt. Klar – auf Französisch gibt es ganze Bibliotheken mit Büchern über die französische Revolution und das Ancien Régime. Hierbei speziell zur berüchtigten Torten-Königin.
Aber auf Deutsch fehlten mir entsprechende Informationen.

Nun ist es in der Geschichtsschreibung so, dass immer neue Quellen auftauchen, die bewertet werden müssen. Briefe, Akten, Memoiren etc. Wenn nun nahezu hundert Jahre vergehen, bevor sich jemand wieder mit dem Leben einer historischen Persönlichkeit befasst, bedeutet dies, dass falsche Behauptungen stehen bleiben. Dass Fabeln weitergetragen, sprich: abgeschrieben werden.
Wenn dann solch alten Zöpfe abgeschnitten werden und das Bettzeug ausgeschüttelt wird, freue ich mich ganz ungemein.

Ein Beispiel: Bei Zweig wird noch jene Geschichte kolportiert, dass Marie Antoinette, als sie an den französischen Hof übergeben wurde (das geschah auf einer Insel vor Straßburg, im Niemandsland sozusagen), nackt ausgezogen worden sei (vor den versammelten Höflingen), eine Linie habe überschreiten müssen, um dann französische Kleidung angelegt zu bekommen.
Eine ebenso rührende wie falsche Geschichte, die Generationen von LeserInnen mit Mitleid für das gedemütigte junge Mädchen erfüllt hat.

Es gab nichts dergleichen. Nicht eine zeitgenössische Quelle berichtet von dieser Entkleidung. Tatsächlich bekam sie zwar französische Kleider, aber so wie man das normalerweise tut: hinter verschlossenen Türen.
Es ist Michaela Lindinger vorbehalten gewesen, mit dieser Mär aufzuräumen.

Lindinger gebührt ebenfalls ein großes Lob dafür, dass sie das Thema an sich in die Gegenwart transportiert hat. Was früher Lügen und Propaganda hieß, sind heute Fake News.
So befasst die Autorin sich nicht nur mit dem Schicksal Marie Antoinettes in dieser Zeit, sondern mit dem Schicksal der Frauen im revolutionären Frankreich insgesamt.
Eindrucksvoll schildert sie das Schicksal der wenigen in der Revolution an der Spitze mitkämpfender Frauen. Überraschung! Sie wurden sehr schnell von den Männern vertrieben. Und zwar entweder auf die Guillotine, oder an den Herd, denn dort war – aus der Sicht des Revolutionärs – der einzig richtige Platz für eine Frau. Dort sollte sie viele, viele kleine Revolutionäre gebären und großziehen.

All die Freiheiten, die Frauen während des Ancien Régime genossen hatten, was Kunst, Kultur und Lebensweise, sogar Kleidung anging, das wurde ihnen mit einem Mal entrissen.

Damit habe ich bereits ein weiteres Stichwort genannt, das Lindinger einer genaueren Untersuchung unterzieht: Mode!

Sicherlich nicht unerwartet bei einer Königin, die für ihre Verschwendungssucht berüchtigt war.
Mit ihrer Schneiderin Rose Bertin entwarf Marie Antoinette zahllose neue Moden und die äußerst geschäftstüchtige Madame Bertin machte aus allem beinahe einen Gassenhauer.
So stellte sie in ihrem Laden in Paris eine Marie Antoinette- Puppe auf, die die gleichen Maße wie die Königin hatte und präsentierte dort die neuesten Follies Ihrer Majestät. Fertig zum Nachkauf durch die extrem betuchte Kundschaft.
Doch es waren nicht die Reifröcke, die unfassbar kostbaren Geschmeide, oder die meterhohen Perücken, die zum Beispiel aktuelle Ereignisse abbildeten, die die Königin den Kopf kosteten … Es war ein einziges Kleid. Dargestellt auf einem einzigen Bild. Allerdings von einer genialischen Malerin dargestellt und auf einem Pariser Kunstsalon ausgestellt:

Auf Anraten des Pariser Polizeichefs musste das Gemälde entfernt werden.
Was war nun so skandalös an der Darstellung, dass man einen Aufstand fürchtete?
Das Kleid der Königin!
Was uns heute wie ein charmantes Porträt einer sommerlich zurechtgemachten Dame erscheint, war damals offene Revolte gegen alle bestehenden Regeln.
Für die damaligen Betrachter war die Königin beinahe nackt. Das locker fallende Kleid sah wie Unterwäsche aus. Der Skandal ließe sich heutzutage nur nachvollziehen, wenn Prinzessin Catherine sich in Dessous fotografieren ließe.
Dazu der sommerliche Strohhut – das war eine halbnackte Bäuerin, aber keine Königin!

Wieso nun diese Aufregung? Weil Kleidung, speziell im Ancien Régime eine staatstragende Rolle hatte. Man trug zu besonderen Ereignisse noch immer Hofkleidung. Besonders elaborierte Stücke, die gleichzeitig die Unverrückbarkeit des Throns versinnbildlichten.
Lindinger beschreibt sehr lebhaft, wie Marie Antoinette aus reiner Modebegeisterung und dem Hang zum Eskapismus in jenen leichten, frivolen Kleidern in ihrem Hameau herumwanderte, Bauernmärkte für ihre Clique veranstaltete und durch Abwesenheit vom eigentlichen Hof glänzte.
Indem sie sich so etwas wechselhaften wie der Mode verschrieb, stellte sie schon rein optisch jene Krone, jenes System in Frage, auf dessen Schultern sie stand.

Doch sie ging noch weiter: Sie ließ Stücke von Beaumarchais inszenieren, die kurz zuvor verboten worden waren und trat auch selbst noch darin auf. Der König saß währenddessen im Publikum, anstatt seine Frau in die Schranken zu weisen.
Dies war nun kein politisches Statement Marie Antoinettes. Sie mochte das Stück. Die politischen Implikationen verstand sie gar nicht.

Kurz: die Königin tat alles, um die Herrschaft ihres eigenen Mannes zu torpedieren.

Und mehr noch: Sie reduzierte ihn, der – dem Beispiel seiner Vorgänger entsprechend – viril und allgewaltig zu gelten hatte, auf einen schlossernden Jammerlappen. Einen dickbäuchigen Bruder Sinnlos, der weder seine Frau noch sein Land im Griff hatte.
Denn: über lange Jahre wurde die Königin nicht schwanger.

Damit erfüllte sie die einzige Aufgabe nicht, die sie in ihrer Existenz hatte: einen künftigen König auf die Welt setzen. Eine Prinzessin gebären, die mittels Heirat den Frieden sichern und Bündnisse zementieren konnte.
Und mit jedem Jahr das verging, ohne, dass ein Dauphin geboren wurde, zersetzte sich das System selbst.
Lindinger schildert nun eindringlich die Anstrengungen, die Kaiserin Maria Theresia unternahm, um ihre Tochter zur Vernunft zu bringen, beziehungsweise mit Ratschlägen zu unterstützen. Wie alle um das Paar herum mit dem Thema beschäftigt waren, nur die Hauptpersonen nicht. Der König schien nichts von Sex zu halten und die Königin legte sich ihren privaten Hofstaat mit Ersatzkönig Axel von Fersen zu.

Als das Problem endlich gelöst war und die Königin sogar mehrere Kinder gebar: Marie-Thérèse-Charlotte (* 19. Dezember 1778; † 19. Oktober 1851), Louis-Joseph-Xavier-François (* 22. Oktober 1781; † 4. Juni 1789, Louis-Charles (* 27. März 1785; † 8. Juni 1795), Sophie-Hélène-Béatrice (* 9. Juli 1786; † 19. Juni 1787), war es bereits zu spät.

Sie mochte sich mit ihren Kindern malen lassen, so viel sie wollte: der Ruf des Hauses war nachhaltig zerstört. Die Staatsfinanzen (vor allem nach der Unterstützung des amerikanischen Freiheitskrieges gegen England) unrettbar ruiniert.
Alles Umdenken kam zu spät. Und hier zeigt sich auch, wie wenig Marie Antoinette noch zu beeinflussen vermochte: sie begann, sich angemessen zu kleiden, stellte die Glücksspiele ein, bei denen sie Millionen verloren hatte, konzentrierte sich auf ihre Kinder, lehnte den Ankauf von Schmuck ab.

Es war zu spät. Die Finanzminister gaben sich die Klinke in die Hand und der König konnte sich zu keinen Reformen durchringen. Eine Abwendung vom Ancien Régime war ihm ebenso unmöglich wie eine Besteuerung aller Stände. Letzteres hätte übrigens mit absoluter Sicherheit den Adel in die alten Verteidigungsstellungen der Fronde zurückgebracht, die Ludwig XIV mit so viel Mühen und Kosten vor kaum 100 Jahren erst aufgelöst hatte.
Kurz: wie auch Lindinger es darstellt: die Situation glich der einer griechischen Tragödie. Es gab keinen Ausweg.

Nachdem alles verloren war, blieb nur die von Axel von Fersen organisierte Flucht. Auch diese scheiterte. An der Entschlussunfähigkeit des Königs, an der Unfähigkeit der Königin, sich von ihrem Mann zu lösen und auf eigene Faust mit den Kindern zu fliehen. An persönlichen Mätzchen, wie der Erkenntnis Seiner Majestät, dass er sich nicht vom Liebhaber seiner Frau kutschieren lassen wolle. Man verlor wertvolle Zeit, indem man in einer gewaltigen Reisekutsche nur langsam vorankam, der König Plauderrunden mit Bauern einlegte und und und.

Alles endete zunächst in Varennes und dann unter der Guillotine.

FAZIT:

Michaela Lindinger gelingt es mit ihrer Biografie, die Schwierigkeiten, in denen sich Marie Antoinette befand, in die Gegenwart zu übertragen. Man begreift sehr schnell, dass die politische Situation des Ancien Régime und der Revolution auch noch heute nachvollziehbare Ursachen hatten. Ja, Marie Antoinettes Schicksal wird zum beinahe exemplarischen Frauenschicksal in Zeiten massiver Veränderungen.
Es ist eine eigentlich zeitlose Geschichte, die hier vorgestellt wird.
Unterhaltsam und spannend geschrieben, kann sie sicherlich auch jüngere Leser für das Thema interessieren. Wobei es – wohlgemerkt – natürlich kein Jugendbuch ist.

Das verwendete Bildmaterial wurde nicht in einem Mittelblock zusammengefasst, sondern an der jeweils passenden Stelle eingefügt, wo es das zuvor Gelesene illustriert und auf den Punkt bringt. Das gefällt mir sehr gut, denn so wird vermieden, einfach ein Sammelsurium an netten Fotos zu präsentieren.

Wem würde ich das Buch empfehlen? Im Prinzip jedem, der sich zum einen für das französische Königtum interessiert und zum anderen für die individuellen Lebensgeschichte(n). Außerdem ist es ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Frauen.

ANREGUNG:

Mir fällt immer wieder auf, wie gerade „skandalöse“ Paare in den Medien identisch behandelt werden: Der Mann als der Trottel, der sich wie ein Ochse am Nasenring über den Dorfplatz führen lässt und die Frau an seiner Seite, die – mehr oder minder öffentlich – diejenige ist, die den Nasenring hält und somit schlussendlich für die Erniedrigung und das Scheitern des Mannes verantwortlich ist.
Sei es nun Ludwig XVI / Marie Antoinette, Edward VIII / Wallis Simpson, Henry VIII / Anne Boleyn, Prince Harry / Meghan Markle. Es ist immer das gleiche Schema.
Ich fände es hoch interessant, wenn das mal genauer studiert würde. Wenn so viele Paarungen dem gleichen Schema unterworfen werden, kann es kein Zufall mehr sein …

FAKTEN:

Manuela Lindinger: Marie Antoinette – Zwischen Aufklärung und Fake News, Molden Verlag 2023, 304 Seiten, 30 €

Weitere Infos:

www.styriabooks.at
https://magazin.wienmuseum.at/author/michaela-lindinger

https://www.styriabooks.at/molden
Meine Reisen mit Mrs Kennedy

Meine Reisen mit Mrs Kennedy

Von einem Buch wie diesem habe ich lange geträumt und umso glücklicher bin ich, dass ich es als eine der Ersten im deutschsprachigen Raum vorstellen darf.

Credit: Goldmann Verlag

Wenn man – wie ich – seit Jahrzehnten ein großer Fan von Jacqueline Kennedy ist, wartet man sehnsüchtig auf jeden neuen Titel, der zur ehemaligen First Lady (Sie mochte den Begriff nicht. Sie fand, so nenne man nur ein Pferd) veröffentlicht wird.

Jetzt ist es endlich wieder soweit: Clint Hill, der ehemalige Secret Service- Agent, der Jackie Kennedy über Jahre begleitet hat, hat ein neues Buch über seine Zeit mit Jackie veröffentlicht.

Nach eigener Aussage, wird es wohl sein letztes sein.

Hill war als Bodyguard Jacqueline Kennedy und ihren Kindern zugeteilt. In dieser Funktion begleitete er sie aber nicht nur auf offiziellen Reisen, sondern auch, wenn die Familie privat unterwegs war. Da die First Lady und ihn eine ganz besondere Beziehung verband, vermittelt einem das Buch auch Einblicke in das Leben Jackies, die man sonst nicht so ohne Weiteres bekommt.

Was mir gleich an dem Buch gefallen hat, ist der Aufbau: Hill beschreibt nicht einfach chronologisch seine Reisen, wie es der Buchtitel ankündigt – nein. Er hat sozusagen eine Rahmenhandlung.
Gemeinsam mit seiner Ehefrau macht er nämlich Klarschiff in seinem alten Haus. Bei dieser Aktion nun stoßen die beiden auf einen alten Schrankkoffer, der gefüllt ist mit Andenken an seine Zeit mit Jackie. Von selbst gebastelten Urkunden, über persönliche Schnappschüsse, bis hin zu kleinen Mitbringseln.

Mit jedem wichtigen Stück, das ihnen dabei in die Hände fällt, verbindet sich die Erinnerung an bestimmte Reisen, die er dann genauer vorstellt.

So ergibt sich bald nicht nur eine Idee, wie aufwendig und durchdacht die Reisen der First Lady waren, sondern man kann auch das eigene Bild des Präsidentenpaares vervollständigen. Tatsächlich schafft Hill es, dass man das Gefühl bekommt, man sei beinahe selbst auf diesen Reisen dabei gewesen.

Natürlich trägt der äußerst ausführliche und interessant gestaltete Bildteil sein Übriges dazu bei, dass man Seite um Seite genießt.

Allerdings spart Hill auch die düsteren Zeiten in Jackies Leben nicht aus. Zu ihnen gehört ganz ohne Zweifel der Tod ihres Sohnes Patrick, sowie die Ermordung Kennedys, die für Hill ein persönlicher wie beruflicher Alptraum war und ist. Nicht nur, dass er seinen hoch verehrten Chef verloren hat und danach die Qualen seiner Familie mit ansehen musste – er rechnete es sich zeitlebens als persönliche Schuld an, den Präsidenten nicht beschützt zu haben.

Auch dies ein roter Faden, der sich durch das Buch zieht. Seine immer wieder auftauchenden Gewissensbisse und das Gefühl, die nachfolgenden Ehrungen nicht verdient zu haben.

Für mich selbst die spannendste Reise (und politisch gesehen die wichtigste, die Jackie überhaupt je unternommen hat) war wohl jene nach Indien und Pakistan.
Zu jenem Zeitpunkt hatte sich die politische Lage zwischen Indien und Pakistan so verschärft, dass man sogar einen Atomkrieg zu fürchten begann. Pakistan hatte sich der Sowjetunion zugewendet und das musste sich ändern.

Der politisch überaus kluge Kennedy griff in dieser Lage zu einem Trick: Er reiste nicht selbst (das hätte zu viel Wirbel verursacht) – er schickte stattdessen seine Frau!
Jackie – weltläufig, schick und begleitet von ihrer Schwester Lee – startete einen Triumphzug.
In beiden Ländern wurde sie wie eine Königin empfangen. Und, dass es ihr großes Vergnügen bereitete, sieht man an jedem ihrer Schritte. Sogar einen Elefantenritt unternahmen die beiden Schwestern. Begleitet von der Weltpresse schaffte es Jackie sozusagen im Handstreich, das Image der USA auf Hochglanz zu polieren.
Als sie zum Abschluss dann auch noch in Pakistan ein unfassbar wertvolles Reitpferd geschenkt bekam, wurde sogar für eine First Lady ein absoluter Traum wahr.

Hill schafft es, den Lesern ein ungemein lebendiges Bild dieser Reise zu vermitteln, nicht zuletzt, weil er direkt in die Vorbereitung, wie auch in die jeweiligen Etappen, eingebunden war. Außerdem erhalten wir auch noch einen weiteren Blick hinter die Kulissen – wir erfahren nämlich, welche Anstrengungen Jackie unternommen hat, um ihrem geliebten Geschenk die Quarantäne in den USA zu ersparen.
Außerdem werden wir Zeugen, wie Jackie nach ihrer Rückkehr ausgelassen gefeiert hat …

Doch wir erleben Jackie nicht nur in jenen strahlenden Momenten, sondern auch in ihren schwärzesten Stunden. So als sie den heiß ersehnten Sohn Patrick verliert. Auf der nachfolgenden Reise, die ihr über den Schmerz hinweghelfen soll, ist Hill ebenfalls dabei und schildert ergreifend den Prozess, den Jackie hier durchmacht. Eine Reise, bei der sie eine Vorgehensweise erlernt, wie sie auch später mit Verlusten umgehen wird.
Es ist jener Todesfall, der das Ehepaar Kennedy einander wieder näher bringt. Gemeinsam planen sie ihr Landhaus „Wexford“ (benannt nach der Gegend in Irland, aus der die Kennedys stammen) und erleben dort ein letztes gemeinsames, entspanntes Wochenende bevor sie nach Dallas reisen.

Grab der Kennedys in Arlington
Credit: Petra von Straks, September 2023

Das vorliegende Buch, so denke ich, ist nicht nur für eingefleischte Jackie- Fans ein Leckerbissen, sondern für jeden, der sich mit dieser starken Frauengestalt beschäftigen will. Hill schafft es, jenseits aller Hagiographien das Bild einer Frau zu vermitteln, die schwärzeste Zeiten durchlebt hat und dennoch am Ende stark und entschlossen für ihre Kinder und sich selbst eingetreten ist.

Hill schafft aber genauso eine Annäherung an die lustige, lebensfrohe, an die kreative und übermütige Jackie.

Sie hatte ein reiches und ausgefülltes Leben und dennoch wären ihr mehr Jahre zu gönnen gewesen.

In diesem Sinne können wir alle zu Hills Buch greifen und in der Zeit zurückwandern. Es lohnt sich auf jeden Fall.

Die Fakten:

Clint Hill: Meine Reisen mit Mrs Kennedy, Goldmann Verlag 2023, 288 Seiten, 20 Seiten
Zum Goldmann Verlag bei der Pinguin Randhomhouse Verlagsgruppe: https://www.penguin.de/Paperback/Meine-Reisen-mit-Mrs-Kennedy/Clint-Hill/Goldmann/e616482.rhd

Neues von Ludwig II

Neues von Ludwig II

Über den Märchenkönig ist alles gesagt.
Sollte man zumindest meinen. Aber der Klartext Verlag hat jetzt doch ein kleines Büchlein herausgebracht, das mich eines Besseren belehrt hat.
Dass ausgerechnet ich als eine der Ersten dieses Buch vorstellen darf, freut mich daher umso mehr!

Ludwig II fasziniert mich beinahe schon länger als seine Cousine Elisabeth, die Kaiserin von Österreich.
Genauer gesagt, seit ich als Mädchen „Ludwig II“ mit O. W. Fischer als Ferienfilm gesehen habe.
Wie schön und tragisch war dieser Ludwig doch und wie herrlich irre, aber gleichzeitig anrührend Klaus Kinski als sein Bruder Otto.
Weitergetragen hat sich dann die Sache, als ich zum ersten Mal Viscontis Ludwig mit Helmut Berger und Romy Schneider gesehen habe.
Reisen zu den Ludwigsschlössern rundeten mein Bild ab.

Seltsamerweise war es schwierig, an brauchbare Bücher über Ludwig zu kommen. In seinen Schlössern gab es nur Verblichenes (damit ist nicht nur der Umschlag gemeint) und in meiner Stammbuchhandlung konnte man mir auch nicht wirklich weiterhelfen.

Mit den Jahren wurde ich dann doch des einen oder anderen Edelsteins habhaft, wodurch ich mehr über die zahlreichen Facetten des Königs erfuhr. Schnell stellte ich fest, dass er mehr war als nur ein irrer, bausüchtiger Wagnerianer.

Die Jahre verstrichen und ich kaufte jedes neue Buch, das über ihn erschien. Meine Lektüre von Biografien anderer Mitglieder seiner Familie wiederum rundeten mein Bild des Königs ab und bald ging ich davon aus, alles Notwendige zu wissen.

Umso mehr überraschte mich nun dieser brandneu erschienene Band aus der Reihe „Populäre Irrtümer“, aus der ich bereits das Büchlein über Kaiserin Elisabeth und über die englischen Royals vorgestellt habe.
Diese fand ich unterhaltsam und auch recht informativ, wobei mich besonders auch die wertige Aufmachung überzeugt hat.

Im vorliegenden Ludwig II- Band nun gibt es wirklich hervorragende Informationen.
Nicht nur, dass das Buch ansprechend aufgemacht ist und das Design der einzelnen Seiten abwechslungsreich und professionell daherkommt (wie bei den bereits vorgestellten Bänden) – ich habe hier zusätzlich ungeheuer viel Neues über Ludwig gelernt.

Das Buch ist nun nicht chronologisch wie eine „richtige“ Biografie aufgebaut, sondern orientiert sich vielmehr an Themen, die das Leben Ludwigs definieren.
Sei es seine Beziehung zu Sisi oder die Frage, wie technikbegeistert Ludwig wirklich war. Hier gibt es mehr richtigzustellen als ich erwartet hätte.
Der Autor Marcus Spangenberg ist Historiker und Ludwig-begeistert, was man auch merkt. Für einen Historiker allerdings eher ungewöhnlich, schafft er es, die Begeisterung und das Interesse auf die Leser zu übertragen.

Ein kleines Beispiel gefällig?
Viele kennen die Wundergrotte von Schloss Lindenhof. Entweder weil sie schon selbst dort waren, oder darüber gelesen haben. Vor Ort wird den staunenden Besuchern gerne von ganzen Opernaufführungen berichtet, mit denen sich der König hier habe erfreuen lassen.
Spangenberg stellt das richtig: Es hat hier nie eine Opernaufführung gegeben. Der König hat sein Zauberreich nie in Aktion erlebt, denn sie blieb eine Baustelle. Praktisch 100% Luftfeuchtigkeit und sein frühes Ableben hätten auch beinahe dem Wunderort insgesamt den Gar ausgemacht. Gott sei Dank nahm man regierungsseits Geld in die Hand und restaurierte die Grotte, die – wie Spangenberg auch bemerkt – von Ludwig nicht für die Ewigkeit geplant war, sondern nur für seine eigene Lebenszeit.
Eine zusätzliche, spannende Info hat Spangenberg auch noch zu bieten: Um die Grotte in Gang zu halten, wurde hier eines der ersten Elektrizitätswerke Bayerns errichtet …

So kenntnisreich und interessant unterhält Spangenberg uns mit dem Wissen über den König. (Und wer von uns hätte zu sagen vermocht, dass es nur ein einziges Standbild des Königs gibt, das zu seinen Lebzeiten geschaffen wurde? Noch dazu von einer Frau – Elisabeth Ney. Es steht heute übrigens in Schloss Linderhof.)

Am Ende des Buches gibt es natürlich auch das aus den anderen Bänden bekannte Quiz, wo man das eigene Wissen auf die Probe stellen kann.

FAZIT:

Dieser Band hat mir von allen bis jetzt am besten gefallen. Es haben sich keine für mich erkennbaren Fehler eingeschlichen und ich habe es sehr genossen, all die neuen Dinge zu erfahren. Die große, aktuelle Ludwig-Biografie steht derzeit noch aus und das Buch von Spangenberg ist da sicherlich kein Ersatz.
Dennoch schafft er es mühelos, für den exzentrischen König zu interessieren.
Alles in allem gilt eine absolute Leseempfehlung. Sowohl für Ludwig- Kenner wie auch für Neulinge.

FAKTEN:

Marcus Spangenberg: Ludwig II – Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten, Klartext Verlag 2023, 120 Seiten, 16,95 €

Weitere Infos – auch über die anderen Bände der Reihe:
https://klartext-verlag.de