„Judith und Hamnet“: Sechs Richtige mit Zusatzzahl

Da ich immer wieder höre, wie sehr euch die historischen Romane gefallen, habe ich mich umgeschaut und bin auf einen der besten der letzten Jahre gestoßen:
„Judith und Hamnet“ von Maggie O’Farrell.
Erschienen ist das Ganze im Piper Verlag. Ich persönlich habe es als E-Book gelesen, aber ihr bekommt es natürlich auch als Printausgabe.

Selbst bin ich über dieses Buch tatsächlich schon im Sommer gestolpert, da war ich mit meinem Sohn in England und wir waren auch in Stratford-upon-Avon, der berühmten Shakespeare-Stadt.

Shakespeares Elternhaus in Stratford-upon-Avon

In Stratford gibt es einige Buchgeschäfte und noch eine Handvoll Häuser, die man besichtigen kann, die mit Shakespeare selbst zu tun haben.
Bevor ich anfange, den Roman vorzustellen, möchte ich euch ein bisschen was über Stratford erzählen. Es ist im Prinzip eine sehr hübsche Stadt, allerdings gibt es in England wesentlich schönere kleine Orte, die nicht derartig von Touristen überlaufen sind. Das ist in den Cotswolds immer ein bisschen schwierig, weil die hübschesten Orte voll touristisch erschlossen sind, wie man so schön sagt.
Wir waren z.B. in Castle Combe – da gibt es einen Parkplatz vor der Dorf, auf den man sich stellen muss um dann zu Fuß in den Ort zu kommen.

Mit Stratford-upon-Avon habe ich persönlich soweit abgeschlossen.
Das Ganze vor dem Hintergrund, dass es für mich nicht mehr gutierbar ist, weil jetzt sogar schon diese silber angemalten Automatik-Menschen vor den Sehenswürdigkeiten rumstehen und nach Münzen gieren.
Wer noch nie in Stratford war, aber Shakespeare mag, dem sei es natürlich empfohlen, sich das Ganze mal anzugucken. Offiziell gibt es fünf Häuser, allerdings ist das Haus, in dem Shakespeare aufgewachsen ist, nicht mehr vorhanden. Es steht auf demselben Areal ein später errichtetes Haus.
Jenes Haus, in dem er mit seiner Familie gewohnt hat, ist schon interessanter, allerdings sind auch darüber gefühlte Millionen von Touristen hinweggegangen. In Stratford legt man sehr viel Wert auf das Pfund der Touristen, aber man bekommt relativ wenig zurück.

Was ich aber dort im Museumsshop entdeckt habe, ist der Roman „Hamnet“.

Ich wollte ihn mir dort schon kaufen, habe es dann aber gelassen, bis ich wieder daheim war. Dann habe ich entdeckt, dass es eine deutsche Übersetzung gibt. Im Original heißt das Buch einfach nur „Hamnet“, in der deutschen Übersetzung heißt es „Judith und Hamnet“, weil – wichtig – der Roman dreht sich um das Zwillingspaar Judith und Hamnet, die Kinder von William Shakespeare.

Warum stelle ich euch dieses Buch vor? Weil es ganz ungewöhnlich geschrieben ist. Ich bin ein bisschen „geschmecklerisch“, was historische Romane angeht. Früher wollte ich viel über die Zeit lernen, heute sprechen mich Romane an, wenn sie von der „Schreibe“ her besonders sind. Ich mag weniger die Sachen, die brav runtererzählt sind. Bei Rebecca Gablé beispielsweise sind mir die Figuren oft zu „straight“ von A nach B erzählt, ohne große Entwicklung oder „Sapperlot-Momente“, wo man denkt: „Wow, das habe ich nicht kommen sehen.“

Mit Hamnet habe ich einen Roman entdeckt, wo nicht nur jede Menge dieser Sapperlot-Momente passieren, sondern wo ich Menschen und ihre Beziehungen sehr wahr und vielschichtig dargestellt bekomme. Maggie O’Farrell schafft es sprachlich, diese Interaktionen wunderbar darzustellen. Der Roman beginnt damit, dass Judith, die eine Hälfte des Zwillingspärchens, krank wird – sie hat offensichtlich die Beulenpest. Ihr Bruder Hamnet eilt durch das leere Haus und sucht nach Hilfe, findet aber niemanden. Die Autorin nimmt uns so geschickt an die Hand, dass man sich vollkommen mit Hamnet identifiziert. Die Szene spielt sich vor den Augen des Lesers wie ein Film ab.

So schreibt O’Farrell nicht einfach wie die Pest nach Stratford kam und wie sich Judith infizierte – sie nimmt die Leser förmlich zu einer Abenteuerfahrt mit. Wir lernen den Übertragungsweg kennen – aber anhand von Figuren, die uns innerhalb weniger Sätze ans Herz wachsen. Wir betrachten den Übertragungsweg sozusagen aus einer beinahe himmlischen Position heraus, wo wir alle wissen (oder ahnen), während die Betroffenen ahnungslos in ihren Untergang laufen.

Es gab diese Ausbrüche der Pest immer wieder. Ein Heilmittel gab es nicht. Die Menschen damals hatten viel Ahnung von Kräutern, weil Ärzte teuer und im Normalfall ahnungslos waren. Ein Küchengarten war immer auch ein Heilkräutergarten. Das Buch stellt dieses Leben in und mit der Natur wundervoll dar. Ich habe mich richtiggehend in die Atmosphäre der Shakespeare-Häuser zurückversetzt gefühlt.

Hier drüber seht ihr zwei Aufnahmen aus Anne Hathaways Haus in Shottery, vor den Türen von Stratford, die ich ebenfalls im letzten Sommer aufgenommen habe.

Kein Wunder, dass der Roman umgehend verfilmt wurde!
Wie filmreif O’Farrell schreibt, seht ihr hier:

Sie stehen lange auf dem Feld, Bartholomew, John und Joan. Die anderen Kinder sehen unbemerkt, versteckt hinter einer Mauer, zu. Nach einer Weile tuscheln sie untereinander: »Ist es entschieden, ist es beschlossen, ist Agnes zu ihrem Haus gegangen, wird sie vermählt werden, wird sie nie wiederkommen?« Bis der kleinste Bruder dieses Spiels, dieses Herumstehens an irgendeiner Mauer überdrüssig wird und quengelt, dass er heruntergelassen werden will. Die Schwestern aber wenden ihre Augen keinen Moment lang von den drei Gestalten ab, die zwischen den Schafen stehen. Die Hunde rascheln und gähnen, legen den Kopf auf die Pfoten und heben ihn hin und wieder, um fragend zu Thomas zu schauen. Sie sehen, wie ihr ältester Bruder den Kopf schüttelt, sich zur Seite abwendet, als wolle er das Gespräch beenden. Der Handschuhmacher scheint inständig zu bitten, indem er erst die eine, dann die andere Faust aufmacht. Er zählt etwas an den Fingern seiner rechten Hand ab. Joan spricht aufgebracht und lange, wobei sie mit den Armen rudert, auf das Haus deutet, die Hände in ihre Schürze krallt. Bartholomew starrt grimmig auf die Schafe, bevor er die Hand ausstreckt, ein Schaf am Rücken packt und seinen Kopf in Richtung des Handschuhmachers dreht, als wolle er dem Mann in Bezug auf das Tier etwas beweisen. Der Handschuhmacher nickt heftig, hält eine wortreiche Rede, lächelt dann wie im Triumph. Bartholomew klopft sich mit seinem Knüppel gegen den Stiefel, ein sicheres Zeichen dafür, dass er unzufrieden ist. Der Handschuhmacher tritt näher; Joan weicht nicht zurück. Der Handschuhmacher legt Bartholomew eine Hand auf die Schulter; der Bauer lässt ihn gewähren. Dann schütteln sie sich die Hand. Der Handschuhmacher mit Joan, und dann mit Bartholomew. »Oh«, sagt eines der Mädchen. Die Kinder atmen auf. »Es ist beschlossen«, flüstert Caterina.

An dieser kleinen Szene erkennen wir die Meisterschaft der Autorin.
Wir sehen die Szene der Eheverhandlungen zwischen den Shakespeares und den Hathaways aus der Perspektive von Agnes Geschwistern, die die Erwachsenen beobachten. Wir wissen nicht mehr als sie, was zur Spannung der Szene beiträgt (inklusive der falschen Schlüsse, die gezogen werden…) – umso überraschender das Ergebnis …

Es sind sehr realistische Menschen in ihrer ganzen Vielschichtigkeit. Spannenderweise heißt die Heldin im Roman Agnes (oder Anis gesprochen). Historisch ist sie als Anne Hathaway bekannt, aber zu der Zeit war der Name Agnes/Anis/ Anne austauschbar. Die Autorin wählte diesen Namen – wie sie sagte- bewusst, um die Figur von den Klischees zu lösen. Shakespeares Name selbst wird im ganzen Buch nie erwähnt, obwohl jeder weiß, wer gemeint ist. Er ist eine wichtige Nebenfigur. Man erfährt, wie er versucht, der Brutalität seines Vaters in Stratford zu entkommen, welche Hoffnungen er in die Ehe mit Agnes setzt. aber auch an ihrer Seite findet er keine Ruhe.

Historisch gesehen wissen wir wenig über Shakespeares Frau. In seinem Testament vermachte er ihr das „zweitbeste Bett“, was zu vielen Spekulationen führte. Er hat die wesentlich ältere Frau mit 18 geheiratet, da sie bereits von ihm schwanger war. Nach ihrem Tod wurde sie neben ihrem bereits verstorbenen Mann begraben.
Wesentlich mehr ist nicht bekannt.

Man bekommt in dem Roman ein sehr gutes Gefühl dafür, wie entschleunigt, aber auch aufwendig das Leben damals war. Wenn man heute Hilfe braucht, greift man zum Handy. Damals war man darauf angewiesen, dass z.B. Briefe durch „Goodwill“ von Reisenden weitertransportiert wurden. Analphabetismus war ein großes Thema; selbst Shakespeares Kinder konnten kaum lesen.
Es herrschte ein tiefes Wissen darüber, dass sich die Existenz von einer Sekunde auf die andere ändern kann. Man könnte auch Schicksalsergebenheit nennen.
Dieses Wissen wird auf die Probe gestellt, als eben nicht Judith an der Pest stirbt, sondern ihr Zwillingsbruder Hamnet.
Man erlebt eindringlich, wie die Familie mit dem Verlust umgeht. Judith wartet Nacht für Nacht am Haus der Großeltern auf ihren Bruder. Es ist unglaublich bewegend und ehrlich geschildert.

Nicht ohne Grund war Queen Camilla bei der Filmpremiere, wurde der Roman doch in ihrem „The Queen’s Reading Room“- Projekt empfohlen.

Gegen Ende des Romans erfährt Agnes übrigens, dass William in London ein Stück namens Hamlet aufführt.
Sie reist empört nach London, um ihn zur Rede zu stellen, weil sie glaubt, er schlage Kapital aus dem Tod des Sohnes. Was passiert als sie das Stück sieht, will ich hier natürlich nicht verraten…

FAZIT
„Judith und Hamnet“ ist ein wunderbarer Roman, den man einfach zur Unterhaltung lesen kann, um ins 16. Jahrhundert einzutauchen – aber auch mit tiefem emotionalem Gewinn. Wobei er nicht für einen Moment gefühlsduselig oder gar langweilig wird. O’Farrell beschreibt zutiefst menschliche, wahre Interaktionen. Man ist ganz dicht bei den Personen, denn gewisse Dinge ändern sich einfach nicht.

Ich möchte euch dieses Buch ganz besonders ans Herz legen. Schreibt mir gerne in die Kommentare, ob ihr es gelesen habt. Wie hat es euch gefallen? Hat es euch Lust gemacht, noch andere Bücher von O’Farrell zu lesen?

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