„Das Septemberhaus“
Die Liebe zum Horror
Halloween ist ja vorbei, klar, aber der Spaß am gediegenen Grusel begleitet zumindest mich das ganze Jahr über – ob in Form von Büchern oder Filmen. Ich liebe es einfach. Es gibt natürlich unfassbar viele Abhandlungen über Horror- Filmen; eine der besten habe ich vor vielen Jahren gelesen: „Von Caligari zu Hitler“. Das Buch analysiert den politischen Hintergrund von Horrorfilmen – ganz großes Kino.

Was ich besonders an Horrorromanen mag, ist, wenn sie die Dinge aus einem anderen Blickwinkel sehen. Es gibt verschiedene Tropen in Büchern und Filmen, die sich immer wiederholen:
– der Ungläubige, der in ein Haus kommt und mit Gespenstern oder Monstern konfrontiert wird;
– die harmlose Familie, die ein Haus auf dem Land kauft und das Übernatürliche erlebt; oder
– Jugendliche, die unwillentlich Dämonen beschwören.
Das alles langweilt mich inzwischen unsagbar.
Von zwei Ausnahmen abgesehen – „Shaun of the Dead“ und „Ash vs Evil Dead“ – akzeptiere ich auch selten Humor in diesem Genre.
Und jetzt zum Buch….
Damit komme ich zu dem Buch, das ich euch heute vorstellen will. Es war ein wirklicher Zufallsfund: „Das Septemberhaus“ von Carissa Orlando, erschienen im Festa Verlag. Ich muss warnen: Die Printversion war lange Zeit im normalen Handel vergriffen, man kann es jetzt aber wieder bestellen.

Das Design des Buchs ist cool gemacht, und auf dem Einband darf der Rabe nicht fehlen – in Gedenken an den Urvater des Horrors, Edgar Allan Poe, und seine Ballade „The Raven“. Wer die beste Interpretation davon hören will, sollte auf YouTube nach Vincent Price suchen. Ich liebe Vincent Price, er hat mich schon als Kind den Nachtschlaf gekostet. Eine große Empfehlung ist auch der Film „Dragonwyck“ (deutsch: „Weißer Oleander“) mit ihm, der auf dem fantastischen Roman „Dragonwyck“ von Anya Seton basiert.

Die Handlung: Ein Traumhaus mit Tücken
Im „Septemberhaus“ dreht sich alles um Margaret. Sie erzählt die Geschichte.
Ihr Mann Hal ist zu Beginn des Romans verschwunden und wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist.
Als ihre Tochter Katherine ihren Besuch ankündigt, gerät Margarets Leben in ein noch größeres Chaos als das, in welchem es sich bereits befunden hat…
Katherine, die keine Ahnung vom Verschwinden ihres Vaters hatte (warum??? 😉), ist besorgt und will ihn suchen, doch die Polizei sieht keinen Hinweis auf ein Verbrechen.
Margaret hat jedoch noch ganz andere Probleme: Sie hat Probleme mit ihrem Haus. Sie und Hal hatten immer von einem viktorianischen Haus geträumt. Sie fanden dieses wunderschöne Haus mit Ecktürmchen und Veranda. Die Immobilienmaklerin teilte ihnen damals mit, dass es im Haus Todesfälle gab – einen Mord vor über 100 Jahren und andere Vorfälle. Sie hörten kaum zu, sie wollten dieses Haus unbedingt.
Der Keller gefiel Margaret von Anfang an nicht; er fühlte sich „falsch“ an. Doch sie kauften es. Die ersten Wochen waren Glückseligkeit, doch das war im Mai. Warum das Haus „Septemberhaus“ heißt, erfährt man schnell:
Im September bluten die Wände. Es beginnt im obersten Stockwerk, direkt über dem Bett. Dazu kommt nächtliches Stöhnen, das sich gegen Ende des Monats zu Schreien steigert.
Und wir erfahren sehr schnell, dass Margarete alles andere als alleine ist in ihrem Haus…
Ein außergewöhnlicher Erzählstil
Was mich an diesem Buch fasziniert, ist der nonchalante Erzählstil von Margaret. Sie nimmt die Geister als Teil ihres Lebens wahr. Sie will nicht ausziehen, sie will nur einen Weg finden, mit den Geistern zu leben. Als ihre Tochter Katherine auftaucht, wird es kompliziert: Margaret muss die Geister vor ihr verbergen und gleichzeitig geheim halten, dass das Haus schreit und blutet.
Wie sie das schafft, ist alleine für sich genommen schon spannend und man fiebert als Leser permanent mit, wenn ein Aufeinandertreffen von Katherine und den nicht ganz ungefährlichen Geistern droht.
Die tiefere Ebene: Häusliche Gewalt
Das Buch hat dabei noch eine zweite, ungeheuer spannende Ebene: Margaret ist ein Opfer häuslicher Gewalt. Sie wurde über Jahre von ihrem Mann Hal misshandelt. Die Tochter konnte sie nur retten, indem sie sie wegschickte, doch Margaret blieb bei Hal. Sie kommt aus dieser Beziehung nicht heraus, wie es vielen misshandelten Frauen geschieht.
Die Autorin schildert das unfassbar klug und nachvollziehbar. Man versteht, was im Inneren dieser Frau vorgeht.
Nach wenigen Seiten fragt man sich nicht mehr: „Warum geht die nicht einfach weg?“
Margaret hält sich an Regeln, um sich zu schützen. Regeln, die der kontrollsüchtige Hal aufgestellt hat.
Sie achtet darauf, keine männlichen Kassierer zu wählen oder schickt Hal regelmäßig SMS, damit er nicht „austickt“, wenn sie einkaufen ist. Diese Konditionierung hilft ihr ironischerweise dann auch im Umgang mit den Regeln des verfluchten Hauses.
Twists und Würde
Der Roman schickt den Leser auf falsche Fährten, die so fantastisch gemacht sind, dass es einem den Atem raubt. Der Schluss wartet mit einem Twist auf, der sich gewaschen hat. Selbst für jemanden wie mich, der schon viel gesehen hat, war es überraschend.
Ich saß da und dachte nur: „Wow! DAS habe ich nicht kommen sehen…“
Besonders beeindruckend ist, dass Carissa Orlando ihren Figuren die Würde lässt. Wir bemitleiden Margaret nicht; sie bleibt eine würdevolle Heldin. Sogar der prügelnde Hal wird in seinen verschiedenen Facetten geschildert, was ihn als Charakter greifbar macht.
Fazit:
Ein Muss für Horror-Fans
Ich werde dieses Buch ein zweites Mal lesen – was ich selten tue. Die Geister sind ultra spannend, wie zum Beispiel die mit einer Axt erschlagene Haushälterin Frederica.
Es ist kein 08/15-Horrorroman, sondern etwas ganz Besonderes. Carissa Orlando ist eine junge Autorin, und das ist ihr erster Roman. Ich hoffe sehr, dass sie weitermacht.
Sie schafft das, was besonderere Horror-Romane ausmacht: Sie verbinden das übersinnliche Grauen mit dem realen Horror. In diesem Fall eines Frauenlebens…
Ich empfehle euch „Das Septemberhaus“ von ganzem Herzen. Es hat 426 Seiten. Guckt beim Festa Verlag nach dem Nachdruck oder holt euch das E-Book.
Und was machen wir jetzt? Exakt: Lesen!